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Leseprobe "Der Legionär"

Leseprobe

KAPITEL 1

Es ist ein kalter Novembertag in München. Starker Ostwind weht durch die Balanstraße und bläst jede Menge Laub vor sich her. Ich bin gerade unterwegs, Richtung Rosenheimer-Platz zu gehen, um mich mit Barny Bacon in einem kleinen Pils-Pub zu treffen, der ziemlich genau auf dem halben Weg liegt. Sein Anruf klang sehr aufgeregt. Er redete was von einem lukrativen Geschäft, bei dem für jeden von uns eine Menge Bares rausspringen sollte. Das Wort "Lukrativ" passt so ganz und gar nicht in seinen Wortschatz denke ich gerade, als mich ein Truck mit einer ordentlichen Ladung Wasser beschert und dabei meine Hose von den Knien abwärts hoffnungslos überflutet. Heute Nachmittag hat es hier einen kräftigen Wolkenbruch gegeben und teilweise liegen immer noch große Lachen des Wassers herum. Wer da als Passant nicht genug aufpasste, konnte schon leicht durch den ständigen Verkehr, der hier in dieser Strasse kaum abebbt, Opfer einer unfreiwilligen "Dusche" werden.
„Du Vollidiot!“, schreie ich dem Trucker hinterher, aber den kümmert meine Aufregung nicht. Wozu auch?
Ich merke schnell, dass ich an meinem Dilemma selber Schuld bin. War ich doch ganz in Gedanken zu weit links gegangen, dachte über Barnys aufgeregte Worte nach und ein freier Parkplatz zu meiner linken Seite ließ diesen ekelhaften Schauer dann meine Hose und Schuhe durchnässen.
Jetzt erst merkte ich, dass ich nur noch etwa 40 Meter bis zu dem Pils-Pub habe und ärgerte mich, so kurz vor dem Ziel ein solches Missgeschick zu erleben. Ein Blick auf meine Uhr sagt mir, dass ich pünktlich zu unserem Treffen ankomme und stelle mir dabei schon Barnys Grinsen vor, wenn er mich in diesem Zustand sieht.
Hoffentlich erspart er mir seine oberwitzigen Argumente, denn ich habe nun sehr wenig Verständnis, mir deswegen einen verbalen Schrott von ihm auftischen zu lassen. So etwas kann er sehr gut. Eigentlich müsste er Weltmeister in punkto Schadenfreude sein, denn er kann sich daran aufhängen und daran weiden, dass es schön öfters mehr als peinlich war, in so einer Situation dabei zu sein.
Ich denke gerade daran, dass Barny nicht unbedingt zu den pünktlichen Menschen gehört und habe die innere Hoffnung, der Erste von uns beiden zu sein, der hier das Lokal betritt.
Ich erreiche endlich den Eingang zum Lokal, sehe schon durch die verglaste Eingangstür, dass Barny nicht wie gewohnt an seinem Stammplatz an der Bar sitzt. Ganz rechts an der Bar, in unmittelbarer Nähe des Einganges ist sein Lieblingsplatz. Doch diesmal ist der Platz noch frei. Ich betrete das Lokal und die wenigen Gäste verstummen kurz und mustern mein Erscheinen. Ich gehe auf einen kleinen freien Tisch für zwei Personen im hinteren Bereich zu und mein schneller Blick durch das Lokal sagt mir, dass Barny tatsächlich noch nicht da ist. Ich bestelle mir ein Bier und eine Minute später stellt es mir die nette Bedienung schon auf den Tisch. Sie scheint mir etwa so um die 20 Jahre zu sein. Sympathisch, blonde schulterlange Haare und sehr gepflegt. Ich sehe sie hier zum ersten Mal, also muss sie erst vor kurzem hier angefangen haben, denn ich komme im Monat so ein bis zweimal hierher.
Meine Jeans lässt mich jede Sekunde wissen, wie nass ich doch von dem Truck geworden bin und auch das sitzen fällt mir nicht so leicht.
Wenigsten habe ich den einen Trost, dass Barny mich bis jetzt nicht so gesehen hat. Ich nehme einen guten Schluck von dem frischen Bier und mir geht dabei durch den Kopf, dass der Augustiner-Bräu in München wirklich Eines der besten Biere der Stadt herstellt.
Wieder sehe ich auf meine Uhr und dann in Richtung des Eingangs, der von mir aus gesehen geradeaus liegt. Von Barny ist noch nichts zu sehen. Einer der Gäste an der Bar muss meine nasse Hose bemerkt haben, denn er lässt seit meinem Betreten des Lokals keinen Blick von mir. Er trägt eine schwarze Cordhose und seine Lederjacke und das Hemd sind ebenfalls schwarz. Sein schwarzes öliges Haar, welches er streng nach hinten gekämmt hat, verleiht ihm dazu noch eine äußerst düstere Note.
„Wie der Tod.“, denke ich gerade und er spricht mich an.
„Na, Kleiner? Nass geworden? In die Hose gemacht?“
Diesen Typ habe ich hier noch nie gesehen. Also kann er mich auch nicht kennen, sonst hätte er mich bestimmt nicht mit solchen Worten bequatscht. Kaum hat er mich angesprochen, verstummten die wenigen Gäste.
Ich muss diesen Möchtegern-Stänker in die Schranken weisen und meine Worte klingen kalt und keinen Widerspruch duldend. Sein Bar-Nachbar flüstert ihm gerade etwas ins Ohr, dass ich nicht verstehe und meine Worte richten sich an die schwarze Gestalt.
„Erstens bin ich kein „Kleiner“! Zweitens habe ich mir nicht in die Hose gemacht, da meine Jeans von den Knien abwärts nass ist! Aber Sie sind anscheinend zu dämlich, so was zu erkennen! Aber fremde Menschen so primitiv anmachen können Sie gut! Kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten und machen Sie in Zukunft einen großen Bogen um mich! Andernfalls können Sie Ihr nächstes Bier aus der Schnabeltasse lutschen! Ist dies bei Ihnen angekommen oder sind Sie dafür auch zu dämlich?“
Die Situation im Lokal ist zum zerreißen gespannt. Die schwarze Gestalt erhebt sich, doch sein flüsternder Freund hält ihn an der Schulter fest und raunt ihm nochmals leise ins Ohr. Darauf nimmt er wieder seinen Platz ein, dreht mir den Rücken zu und die Anspannung im Raum ist deutlich zu vernehmen.
„Das ist also wirklich so ein Böser?“, fragt die schwarze Gestalt seinen Nachbar.
„Böse nicht, aber mit ihm legt man sich nicht an, dass weiß hier jeder.“, erwidert sein Nachbar.
Kurz darauf gehen die wenigen Gäste wieder ihren Gesprächen nach und der „Schwarze“ sucht keinen weiteren Konflikt mit mir. Sein Nachbar steht auf einmal auf, kommt direkt auf mich zu und meint:
„Dem hast du aber ordentlich den Zahn gezogen. Er ist ein Verwandter von mir und neu in der Stadt. Aber wenn du ihn mal brauchst, lass es mich wissen. Er ist kein schlechter Mensch, hat nur etwas zuviel getrunken. Aber zupacken kann er wie ein Stier...“
„Genug!“, unterbreche ich. „Wenn ich etwas von dir will, lass ich es dir wissen. Und jetzt mach mir den Gefallen und gehe auf deinen Platz zurück.“
„Okay, Mike. Aber, wenn...“
„Schluss jetzt!“ rufe ich ungeduldig.
Ich weiß nicht einmal den Namen von ihm. Interessiert mich auch nicht. Ich weiss nur, dass es Leute gibt, die für mich gerne unangenehme Dinge erledigen würden, da ich immer ordentlich bezahlt habe.
Mit einer Unmutsfalte auf der Stirn stelle ich fest, dass Barny Bacon wieder seine Unpünktlichkeit unter Beweis stellt. Wenn er etwas erledigt, dann immer sauber und zuverlässig. Nur seine stetes zu spät kommen erscheint mir chronisch und daran werde ich mich nie gewöhnen. Ich nehme mir noch einen Schluck aus meinem Glas und während ich trinke, kommt Barny zur Tür herein.
„Hey Mike, sei nicht so gierig.“, ruft er zur Begrüßung.
Ich stelle mein Glas ab und gebe zurück:
„Hallo Barny. Sei du wenigstens einmal im Leben pünktlich. Aber diesen Tag werde ich wohl bei dir nie erleben. Komm, setz dich her und lass mich nicht dumm sterben. Um was geht es denn so dringend?“
Er grinst mich mit seinem viel zu dickem Gesicht an, zieht mit einem lauten Kratzen sich den Stuhl zurecht und schaut mir dabei unentwegt mit seinen zu klein geratenen Augen ins Gesicht. Er räuspert sich und beginnt aufgeregt und hastig zu sprechen:
„Einen guten Auftrag habe ich für dich, mein Freund.“
Er weiß, dass ich es nicht leiden kann, von ihm als "mein Freund" angeredet zu werden und so gebe ich zurück:
„Nenne mich nicht „dein Freund“. Du weißt genau, dass ich es nicht will, von dir so albern tituliert zu werden. Und jetzt schau mich nicht so beleidigt an. Mach erst mal etwas Musik, dann reden wir weiter.“
Er steht ohne ein Wort zu sagen auf und geht in die Ecke neben der Bar, wo ein Musik-Automat steht. Mit der einen Hand sucht er etwas Kleingeld in der Hosentasche, mit der anderen Hand zieht er seinen Finger über die Glasscheibe des Automaten, als suche er etwas Bestimmtes.
Ich beobachte ihn eine Weile und rufe ihm dann zu:
„Barny! Mach jetzt bitte keine Doktor-Arbeit daraus. Ich weiß, dass du die Musik auswendig kennst, die dieser Automat intus hat.“
Jetzt geht es auf einmal sehr flink. Die Münze fällt in die Musik-Box und seine Finger huschen über die Schaltknöpfe. Noch, bevor er das letzte Lied eingegeben hat, erklingt der Song „A Glass of Champagne“ von der Gruppe Sailor. Er kommt zurück an unseren Tisch und er hat ein noch breiteres Grinsen im Gesicht und ein Glas Bier auf dem Tisch. Bevor er Platz nimmt, meint er mit stolzgeschwellter Brust, bei der auch sein Schmerbauch noch mehr zur Geltung kommt:
„Nun, Mister Mike Sinclair, heute bin ich wirklich in Champagner-Laune.“
„Setz dich und sprich, Barny. Um was für einen Auftrag geht es denn? Wieder mal so eine dubiose Angelegenheit? Nimm mich nicht auf den Arm, das kann ich selber.“
„Du fährst nach Prag. In die goldene Stadt, Mike. Ich beneide dich sehr. Einmal hin und zurück. Dafür bekommst du von mir 5000 Euro in Bar. Ist das nicht toll? Nach Prag, in die goldene Stadt.“
„Nun komm mal wieder runter! Wenn dem wirklich so ist, warum machst du es dann nicht selber? Außerdem merke ich, wenn an einer Sache etwas faul ist.“
„Keine Sorge, mein Freund. Äh, entschuldige! Also, du brauchst nur ein Auto nach Prag fahren und es beim Hotel Hilton abzugeben. Du triffst dich in dem Hotel mit einem Herrn und übergibst ihm die Schlüssel für den Wagen. Das ist alles. Dafür bekommst du nach deiner Rückkehr 5000 Euro. Ist das nicht wunderbar?“
„Also, Barny! Das klingt ja schön und gut. Aber ich frage dich noch einmal. Warum machst du es nicht selber? Lass mich mal raten. Der Wagen ist gestohlen und soll nach Prag verschoben werden. Ist das richtig? Und lüge mich jetzt nur nicht an. Ich kann sehr böse werden, wenn man mich anlügt oder versucht, mich für dumm zu verkaufen!“
„Ich lüge dich nicht an. Der Wagen ist nicht gestohlen! Glaube mir. Es ist ein sauberer Deal. Du kannst den Wagen auch gerne polizeilich überprüfen lassen. Es ist ein wirklich sauberer Deal. Machst du es, oder nicht?“„Barny! Dich und deine Deals kenne ich! Wenn der Wagen wirklich sauber ist, mache ich es. Eine Frage habe ich noch. Warum hast du eigentlich mich dazu ausgesucht? Es gibt doch genügend andere, die es billiger machen. Lüge mich nicht an. Sag mir, warum soll ich es machen?“
Barnys Grinsen ist wieder da. Er erhebt sein Glas, wir prosten uns zu und trinken aus. Ich meinen Rest und er sein noch volles Glas. Ich denke gerade „hoffentlich nicht“. Daraus wird leider nichts. Mit einem lauten Rülpsen lässt er seine überschüssigen Gase entweichen. Er bestellt zwei weitere Biere, die auch sehr schnell serviert werden und Barny flüstert der neuen Bedienung etwas ganz leise ins Ohr, worauf sie ihm kurz zunickt.
„Nun? Ich erwarte eine Antwort.“, sage ich gespielt streng.
„Also, ganz ehrlich. Ich habe Vertrauen zu dir. Zu anderen habe ich dieses Vertrauen nicht. Ich weiß, dass ich für dich nur ein dubioser Autohändler bin. Aber wir beide hab
n schon einige gute Geschäfte gemacht, bei denen du mich nicht betrogen hast. Nur dir möchte ich diesen Deal anbieten. Ich selber habe nicht die Zeit dazu, den Wagen nach Prag zu fahren. Bist du nun zufrieden?“
„Nein. Bin ich nicht. Du hast bestimmt die Zeit dazu. Aber du sagst mir nicht, warum? Wie dem auch sei. Wenn der Wagen wirklich sauber ist, bringe ich ihn nach Prag zum Hotel Hilton. Bist du jetzt glücklich, du kleine Schweine-Backe?“
Nur ein paar wenige konnten es sich erlauben, Barny als Schweine-Backe anzureden und er weiß wohl, warum ich es gerade jetzt zu ihm sage. Erstens: Weil er eine unglaubliche Ähnlichkeit damit hat. Zweitens: Weil er ahnt, dass ich ihm nicht ganz Glauben schenken kann. Drittens: Weil der Name "Bacon" auf Deutsch übersetzt nichts anderes als „Speck“ bedeutet. Käme noch erschwerend dazu, dass er mit dem Rülpsen auch ein Problem hat. Egal, welches Publikum gerade um ihm ist. Bacon hat wahrlich etwas von einem Schwein an sich. Aus diesem Grund bin ich nur ungern mit ihm in der Öffentlichkeit zusammen, denn ein sehr unangenehmes Auffallen mit ihm ist in jeder Hinsicht garantiert.
Die Musik-Box verstummt nur kurz und Abba füllt die kleine Bar mit ihrem Hit Mamma-Mia.
„Ja,“ beginnt nun Bacon. „Ich bin happy, wenn ich weiß, dass du diesen Deal erledigst. Wirst du ein paar Tage in Prag bleiben?“
„Warum nicht, wenn ich schon mal dort bin?“
„Schön. Sage dem Gott einen schönen Gruß von mir.“
„Ha! Du meinst wohl den Sänger Karel Gott? Stimmts?“
"Richtig! Und ich dachte schon, du kommst nicht darauf."
„Ha-ha. Ich bin doch nicht so blöd wie du aussiehst!“
Darauf prosten wir uns zu und lachen über unsere Scherze. Mir geht dabei nur der Gedanke nicht aus dem Kopf, was an dem Wagen faul sein könnte?
„Sag mal Barny, wann soll denn der Wagen nach Prag überführt werden?“
„Schon Morgen. Du fährst vormittags los und bist schon nachmittags in Prag.“
Mit dieser Bemerkung schiebt er mir ein dickes Kuvert zu, das er sehr flink aus seiner Wildleder-Jacke gezogen hat.
„Hier sind alle nötigen Dokumente drin, die du brauchst um den Wagen über die Grenze zu bringen. Gib zum Schluss alle Papiere an den Herrn Jablonsky. Der Wagen steht inzwischen am Gondrell-Platz neben den Taxi-Plätzen. Äh... und hier sind die Schlüssel für den Wagen.“
Die Schlüssel legt er sogleich sehr vorsichtig neben mein Glas, als wären diese ebenfalls aus Glas.
Ich staune nicht schlecht. Ein Mercedes der 600er Reihe, die Papiere alle in Ordnung und auch eine Ausfuhrerklärung für den Zoll ist dabei.
„Scheint ja wirklich alles in Ordnung zu sein, Barny. Bin tief beeindruckt.“
In Wirklichkeit bin ich es weniger. Beeindrucken tut mich nur das Auto und dass Barny es geschafft hat, mich diesen „Deal“ machen zu lassen.
„Also, Mike. Die 5000 Euro kannst du auch gleich haben.“
Sogleich zieht er noch einen Umschlag aus seiner Jacke.
„Nicht jetzt! Erst wenn ich von Prag zurück bin, kannst du mir das Geld geben.“
„So kenne ich dich. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Das ist eine Tugend von dir, die mir schon immer Gefallen hat. Und jetzt Champagner!“
Er lässt eine Flasche gut gekühlten von besserer Sorte bringen und wir prosten uns zu. Wegen dem Gedanken daran, was an diesem Deal faul ist, habe ich bei dem Champagner einen bitteren Beigeschmack. Oder soll ich mich wirklich irren? Daran will ich lieber nicht denken.
Wieder verstummt die Musik-Box und wie passend erklingt erneut Sailors „A Glass of Champagne“.
Mir wird gerade klar, dass ich und Barny in sehr kurzer Zeit zu viel alkoholisches getrunken haben und darum entschließe ich mich auch, bald diesen Ort zu verlassen. Ich stecke mir den Umschlag ein, den ich von ihm bekommen habe und frage kurz:
„Sind wir fertig?“
Sein Blick klebt an der hübschen Bedienung beinahe mit einem gierigen Blick. Er scheint meine Worte nicht gehört zu haben und daher wiederhole ich meine Frage etwas lauter:
„Sind wir fertig, Barny? !“
Er zuckt zusammen, als habe ich ihn in die Realität gerissen. Er schaut mich mit einem Blick an, der etwas beleidigendes in sich verbirgt.
„Äh, Oh, Ja Mike. Wir sind fertig. Warum?“
„Weil ich bald gehen werde.“, antworte ich.
„Was? Jetzt schon? Aber der lustige Teil kommt doch erst. Ich kenne dich nur zu gut. Du würdest wirklich gehen, aber ich bitte dich, noch zu bleiben. Es gibt einen guten Grund zu feiern. Ich habe heute Geburtstag und darum will ich heute alle Anwesenden einladen, mit mir zu feiern. Hallo, Leute! Heute geht alles auf meine Rechnung. Ihr habt Freihaus bis zur Sperrstunde.“
Die letzten drei Sätze hat er sehr laut mitten in den Raum gesprochen und alle Personen Blicken ihn dabei erstaunt und freundlich an.
„Alles Gute zum Geburtstag, Barny. Und danke für deine Einladung, aber ich kann kaum länger bleiben. Ich möchte noch etwas erledigen und deinen Auftrag habe ich ja auch zu machen. Und da ist Alkohol wirklich fehl am Platz.“
„Schade, Mike. Ach ja. Der Wagen für Prag hat hinten rechts am Blinklicht einen winzigen Sprung. Sag das bitte dem Herrn Jablonsky.“
„Geht klar. Soll ich noch etwas wissen?“
„Nein, dass wäre alles. Also, echt Schade, dass du nicht länger bleiben kannst. Komm gut in Prag an und wieder zurück. Ach, eine Frage habe ich an dich. Wie geht es deinem Freund Trevor Jones? Ist er noch in der Legion?“
Ich bin überrascht über diese Frage. Hat Barny doch vor einem Jahr meinen Freund Trevor kennengelernt, nur einmal gesehen, ihn aber nicht vergessen.
„Nun, es geht ihm gut. Soviel ich weiß, ist er immer noch Legionär und zur Zeit auf Tahiti im Einsatz. Auf der Insel Moorea rodet er momentan Urwald für einen neuen Militär-Flughafen. Er will in zwei Wochen mich wieder in München besuchen kommen. Mehr weiß ich jetzt auch nicht. Also, bis später und danke für die Getränke. Ich muss jetzt los. Ich melde mich bei dir, wenn ich von Prag zurück bin. Adios.“
„Alles klar. Adios, Mike.“
Ich gehe Richtung Ausgang und bemerke wie Barny mit seinen Augen wieder an der neuen Bedienung hängt. „Keine Chance, Barny.“, denke ich mir und soll damit recht haben. Ich gehe Richtung Rosenheimer Platz und steuere direkt auf die nächste Telefonzelle zu. Eine von den Fünf Zellen im Untergeschoss ist noch frei. Ich werfe ein paar Münzen ein, wähle die Nummer eines guten Freundes und habe ihn sogleich am Apparat.
„Hallo Freddy. Hier ist Mike. Hast du kurz Zeit?“
Die Verbindung ist nicht unbedingt die Beste. Knacken und Rauschen mischen sich ineinander, aber ich kann Freddy noch verstehen.
„Hey, Mike. Freut mich, mal wieder von dir zu hören. Wie kann ich dir helfen?“
„Nun, Freddy, hast du Lust und Zeit mit mir Morgen nach Prag zu fahren?“
„Gerne. Wann soll es losgehen?“
„Um 7 Uhr morgens.“
„Und wie lange bleiben wir in Prag?“
„Bis wir zurückfahren. Das war ein Scherz. Wir bleiben nur ein paar Stunden. So ist es jedenfalls geplant. Und nehme deine Mini-Maus mit. Die werden wir vielleicht brauchen.“
„Du hast doch mal wieder was Heißes an der Leitung. Aber ich frage da nicht weiter. Ich bin dann morgen Früh um 7 Uhr bei dir.“
„Gut. Bis morgen und danke für deine Unterstützung.“
„Keine Ursache. Bis dann.“
Ich lege den Hörer auf und mache mich auf den Weg zum Gondrell-Platz, wo der Wagen steht. Ich möchte den Wagen zu mir in die Balanstraße fahren um Morgen von da aus gleich nach Prag fahren zu können. Also fahre ich mit der S-Bahn zwei Stationen bis zum Marienplatz, dem Herzen dieser wunderschönen Stadt München. Hier kaufe ich einen Stadtplan von Prag und fahre weiter bis zum Hauptbahnhof. Hier steige ich um zur U-Bahn und fahre bis zur Station Westendstraße. Schon nehme ich die Rolltreppe und bin kurz darauf wieder aus dem Untergrund zurück. Hier habe ich Anschluss zur Straßenbahn Nummer 16 die auch naht. Ich steige ein und schon geht es weiter bis zur Endstation Gondrellplatz. Das ganze hat keine 20 Minuten gedauert, weil jeder Anschluss gut gelaufen ist. Als ich am Ziel aussteige, sehe ich schon neben den Taxiplätzen den schwarzen Traum von einem Mercedes. Mehrere Junge Leute stehen am Wagen und bestaunen ihn mit aufgeregter Unterhaltung. Zwei Leute davon sind eifrig damit beschäftigt, den Kaufpreis des Wagens zu schätzen. Ich gehe genau auf das Auto zu und als ich bis auf ein paar Schritte am Wagen bin, treten die Leute zurück und schauen mich interessiert an.
„Der Sinclair ist mal wieder da.“, sagt jemand zum anderen, die den Wagen schätzen möchten.
Auf dem Weg zum Wagen habe ich mir schon den Autoschlüssel aus meiner Jacke geholt und mit der Fernbedienung öffne ich den Wagen. Es ist nur ein kurzes dumpfes „Klack“ zu hören, als die Zentralverriegelung des Wagens entsperrt wird. Wortlos steige ich in den Wagen und starte den Motor. Ich setze den Wagen zurück und fahre über die Alpenveilchenstrasse los, wobei ich im Rückspiegel erkenne, dass mir die Jungen nachsehen. Nun geht die Fahrt weiter durch den Stadtteil Giesing, durch das süd-westliche München, bis ich den mittleren Ring im Süd-Osten erreiche und kurz darauf in der Balanstraße den Wagen vor meinem Haus parken kann.
„Geschafft!“, denke ich und bin froh darüber, dass der Wagen nun vor meiner Tür steht.
Auf dem Weg zu meiner Wohnung gehen mir mehrere Gedanken durch den Kopf. Bei der Fahrt mit dem Mercedes hatte ich das Gefühl, auf der Strasse zu schweben und der Motor war auch kaum zu hören. Dieser Luxus-Wagen kostet mit Sicherheit ein Vermögen. Echtes Leder und Wurzelholz und... und... und.
Und warum war es Barny so wichtig, dass ich und kein anderer den Wagen nach Prag fahren soll? Was war so besonders an diesem Auto? Mit diesen Gedanken finde ich mich auf einmal vor meiner Wohnungstür. Ich sperre auf und gehe hinein, wobei ich mich gleich ins Wohnzimmer bewege und mich mit einem Seufzen auf die Couch setze und nach Antworten suche. Draußen ist es inzwischen dunkel geworden und ich ziehe die Vorhänge zu. Ich mache mir noch eine Pizza in der Mikro warm und als ich den ersten Bissen nehme, verbrenne ich mir den Mund.„Aua!!“, rufe ich erschrocken und lasse die Pizza auf den Teller fallen. Ist das die Gier oder der Hunger gewesen? Vielleicht beides? Nachdem ich gegessen und geduscht habe, gehe ich in mein Schlafzimmer und lege mich in mein großes Doppelbett. Bin ich froh darüber, dass meine Wohnung nicht in Richtung Balanstraße liegt, sondern im Rückteil des Hauses. Mit den Gedanken an den folgenden Tag und der Tatsache, dass ich auf den Tag genau seit 9 Jahren geschieden bin und Barny Geburtstag feiert, schlafe ich ein.

...

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