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Leseprobe "MOUL"

Leseprobe

vorläufiger Entwurf

Kapitel 1

Vor dem Saale des Pariser Schwurgerichts drängen sich weit mehr Menschen, als der Raum zu fassen vermag. Es ist eine Sensation zu erwarten! Zum ersten Male wird vielleicht heute vor den Schranken des Gerichts der Name fallen, der seit Monaten zum Schrecken der Republik geworden ist und in allen Polizeiämtern der Hauptstadt Unruhe und Nervosität hervorrief, sooft er von sich reden machte.
Dabei ist es eigentlich gar kein Name. Es ist nur die geheimnisvolle Bezeichnung eines unheimlichen Wesens, welches sich mit den vier Buchstaben MOUL ankündigt, die aneinander gekettet an jedem Tatort als beunruhigendes Menetekel zurückgelassen wurden.
Der große Unbekannte selbst ist nicht vor die Gerichtsschranken gebracht worden. Auf der Anklagebank hat eben eine geschmackvoll in Schwarz gekleidete junge Dame Platz genommen. Ebenholzfarbiges Haar rahmt ein hübsches, helles Gesicht mit einer kleinen zierlichen Nase und großen, dunklen Augen. Ihre Figur ist kräftig und geschmeidig zugleich.
Das Gemurmel im Saal erstirbt. Der Vorsitzende des Gerichts hat sich mit der Glocke Ruhe verschafft.
„Mademoiselle Gibba Marin!“
Die Aufgerufene erhebt sich müde.
„Sie sind geboren...?“
„In Indochina, auf der Farm Le Beau Foret.“
„Sie sind französische Staatsangehörige?“
„Das wissen Sie doch!“
Der Präsident tadelt die schnippische Antwort.
„Ihr Vater heißt Emile Crayot, ist Farmer und aus Avignon ausgewandert. Lebt er noch?“
„Aber das steht doch alles in den Akten. Muss ich das noch einmal erzählen?“, erwidert ärgerlich die Angeklagte.
„Sie haben meine Fragen zu beantworten.“
Gibba Marin weiß wirklich nicht, ob ihr Vater noch lebt. Ebenso wenig kennt sie das Schicksal ihrer Mutter, einer Kambodschanerin, die nach einem Streit mit ihrem Vater aus dem Haus gejagt wurde. Kurz darauf überfielen Banditen die einsam gelegene Farm und rissen die Familie endgültig auseinander.
Gibba selbst durchlebte ein abenteuerliches Schicksal. Als dreizehnjähriges Mädchen verkauft, gelang es ihr jedoch bald, dem Sklavenhalter zu entfliehen.
In der Nähe von Hanoi las die völlig Erschöpfte ein französischer Kolonialsoldat von der Straße auf. Eine neuerliche Flucht hatte nur die Schutzlose vor den Nachstellungen ihres vermeintlichen Retters in Sicherheit bringen können. Nach wochenlangem Umherirren kam sie, glücklicherweise allen Gefahren entgehend in eine Hafenstadt, deren Namen Gibba nie in Erfahrung brachte. Dort lernte sie einen Kapitän namens Marin kennen. Er nahm das Mädchen an Kindesstatt an, um es mit seinem Schiff nach Frankreich zu bringen. Ein Jahr später starb der Pflegevater eines plötzlichen Todes. Gibba Marin, die den Namen ihres Pflegevaters trug, stand allein in der Welt.
Aber Gibba Marin war in der Kolonie unter Gefahren groß und mit ihnen fertig geworden. Sie kämpfte sich durch und wurde eine Französin wie andere auch.
In einem der riesigen Warenhäuser der Pariser City fand Gibba, die nunmehr 22 Jahre zählte, als Stenotypistin ein Auskommen. –
Nach Feststellung der Personalien beginnt der Präsident mit der Verlesung der Anklage.
„Gibba Marin ist dringend verdächtig, dem noch unbekannten Mörder des Polizeibeamten Charles Cliquot Beihilfe geleistet zu haben.“
Die Zeitungen brachten seinerzeit den Fall bereits ausführlich und doch ergibt sich jetzt erregtes Tuscheln unter den Zuhörern, als der Vorsitzende der Angeklagten die Beihilfe zum Mord vorhält.
„Ich weiß das.“, klingt ihre Antwort kalt.
„Was haben Sie dazu zu sagen, Angeklagte?“
„Nichts.“
„Sie wollen sich also nicht verteidigen?“
„Verteidigen? Dagegen etwa, dass ich Gibba Marin heiße?“
Immer kecker, fast anmaßend gibt die Angeklagte zurück.
„Sie verschlechtern nur Ihre Lage, Mademoiselle Marin!“
„Ich weiß, dass Ihre Lage angenehmer ist als meine.“
Der Verteidiger sieht eine Katastrophe heraufziehen. Er sucht die Angeklagte zu entschuldigen.
„Hoher Gerichtshof! Die angegriffene Unschuld bäumt sich auf gegen die ungeheuerliche Zumutung der Anklage.“
Der Präsident fährt unbekümmert fort.
„Geben Sie zu, Mademoiselle Marin, dass Sie an dem fraglichen Tage und zu der angegebenen Zeit sich im Amtszimmer von Charles Cliquot befanden?“
„Ich sage zum zehnten Male Nein.“
„Wo waren Sie nachmittags um 5 Uhr an jenem Donnerstag?“
„Im Kino.“
„Hm, im Kino? Können Sie das beweisen?“
Mit leicht zusammengekniffenen Augen blickt die Angeklagte auf den Richter.
„Wer hat Sie, Herr Präsident, gesehen, als Sie zum letzten Mal im Kino waren? Können Sie Zeugen...“
Von den Bänken der Zuhörer ertönt leises Gelächter.
„Schweigen Sie!“, ruft der Präsident erbost und verhängt über die Angeklagte eine Ordnungsstrafe.
Das Verhör nimmt seinen Fortgang. Doch durch keine noch so spitzfindige Frage lässt sich Gibba Marin in der Aussage beirren, dass sie mit der ganzen Sache nichts zu tun habe.
„Der Zeuge soll eintreten“, befiehlt der Vorsitzende.
Ein älterer Mann, Bürodiener im Polizeigebäude, nähert sich mit beweglichen Schritten dem Richtertisch und macht auf Befragen seine Aussage.
Ein Mann in einem gut geschnittenen Mantel mit einem kleinen Überhang sei aus dem Zimmer Cliquots gekommen und auf eine Frau zugetreten. Zwar habe er den Betreffenden nur von rückwärts gesehen doch entsinne er sich noch gut, die Worte vernommen zu haben: „Gibba, erledigt!“ Die beiden seien dann zusammen weggegangen. Erst nachdem er das Zimmer Cliquots betrat, habe er erkannt, was geschehen ist. Reglos, in seinem Stuhl zusammengesackt, habe er Cliquot aufgefunden. Er sei schon tot gewesen.
„Erkennen Sie in der Angeklagten dort die Frau wieder, mit der sich der Täter entfernte?“
„Nein, Herr Präsident, das ist sie nicht.“
Dabei schüttelt er mit aller Bestimmtheit den Kopf.
Der Verteidiger Gibba Marins springt auf.
„Hoher Gerichtshof! Kann es eine einwandfreiere Entlastung meiner Mandantin geben? Der Zeuge, der den Täter und seine Helferin gesehen, mit seinen eigenen Augen gesehen hat, erklärt auf den ersten Blick: Nein, das ist sie nicht. Ich bitte den hohen Gerichtshof, den Zeugen zu einer Personenbeschreibung der Helferin des Mörders zu veranlassen.“
Nach des Bürodieners Erinnerung hat die Dame – er nennt sie trotz allem so – rötlich blonde Haare und starke Sommersprossen im Gesicht.
Der Verteidiger sieht bereits die Verhandlung zugunsten der Angeklagten entschieden und temperamentvoll fährt er zwischen die weiteren Aussagen der Zeugen.
„Hoher Gerichtshof, sehen Sie sich den reinen Teint meiner Klientin an, beachten Sie das Schwarz ihrer Haare! Lassen Sie von jedem Fachmann feststellen, dass daran nichts Unechtes ist. Versucht der Staatsanwalt eine Anklage zu konstruieren, nur weil meine Klientin die einzige bekannte Trägerin des gewiss ungewöhnlichen Namens Gibba ist?“
Der Staatsanwalt, ein außergewöhnlich tüchtiger Ankläger, ist ein zu guter Menschenkenner. Er fühlt bei der Angeklagten trotz allen äußeren Scheins, der für sie spricht, die Schuld, aber seine Beweismittel reichen nicht aus. Er ist machtlos gegen Gibba Marin. – Die Angeklagte wird mangels an Beweisen freigesprochen.

*

In der Rue de Vinaigriers wird Gibba bereits in ihrer Wohnung erwartet.
„Na, Gibba, Liebling, das war wieder einmal tadellose Arbeit. Übrigens hast du dich famos benommen.“
„Schon gut, mon Cheri, hast du Neuigkeiten?“
Gibba Marin wirft ihr Jackett auf eine Couch, lässt sich daneben niederfallen und entnimmt einer zierlichen Dose auf dem niedrigen Rauchtischchen eine Zigarette.
Der Besucher, ein Mann mit einer straffen, sportlichen Haltung und entschlossenem Aussehen, zieht sich einen Sessel heran.
„Moul wird heute abend einen größeren Betrag vom Konto des Großindustriellen Meunion abheben. Dieser tüchtige Kaufmann hat heute eine sehr hohe Anweisung der Regierung für die Lieferung von Kampfgas erhalten. Bevor er es aber in Papieren anlegt... Papiere sind immer schwerer auszugeben als Noten.“
Gibba nickt verstehend und zwischen zwei Zügen an ihrer Zigarette entgegnet sie:
„Neue Arbeit also! Befehl für Gamma?“
Der Besucher überlegt kurz.
„Injektion 15 Uhr 15 Minuten. Kleidung wie immer. Treffpunkt Rue de la Paix an der Ecke 16 Uhr 15. Du hast also eine Stunde Zeit, einen wahrscheinlichen Schatten abzuhängen. Du nimmst zweimal die Untergrundbahn, einmal ein Taxi und zuletzt den Autobus E, von dem du rasch zu mir in den Wagen wechselst.“
Nach einer kurzen Weile schließt sich hinter dem Besucher die Tür. Die Aktion war in allen Einzelheiten durchgesprochen.
Gibba Marin oder „Gamma“ plätschert vergnügt in ihrem großen, fliesenbelegten Bad. Zeitgerecht setzt sie am Unterarm die kleine Spritze an, um sich eine farblose Flüssigkeit, die sie einer Ampulle entnommen hatte, unter die Haut zu drücken.
In einem schlichten Tweedkostüm verläßt sie einiges später ihre Wohnung. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite scheint sich ein Mann an einer Normaluhr zu langweilen. Instinktiv schöpft Gibba Verdacht. Ihr Argwohn bestätigt sich. Der Posten bummelt zuerst mit einigem Abstand hinter ihr her, folgt ihr wie ein Schatten in die Untergrundbahn und steigt mit ihr wieder aus. Auf Sehweite hält er sich hinter ihr in den stilleren Straßen, durch die Gibba den Weg nimmt. Nur die Kopfbedeckung hat er gewechselt. Ein einzelnes Taxi fährt des Wegs und wird von Gibba angehalten.
Durch das Fenster in der Rückwand sieht sie im Abfahren ihren Verfolger ratlos ihr nachsehen. Trotzdem wechselt sie vorsichtshalber noch einige Male das Fahrzeug, ehe sie gegenüber der Oper an der Rue de la Paix den Autobus verlässt. Am Straßenrand hält, wie verabredet, ein schnittiger Wagen.
Gibba Marin nimmt neben dem Mann Platz, der sie am Mittag besuchte. Schweigend geht die Fahrt über die Boulevards rasch dem stilleren Viertel um den Parc de Monceau zu, an dem das Haus des Großindustriellen Meunion liegt.
Die Uhr zeigt 16 Uhr 22. Der Mann neben Gibba zieht den Notsitz hoch, dreht an der Stütze der Lehne und lässt ein kleines Schaltbrett herausklappen. Dann schlägt er die Pelerine seines Frackmantels zurück und drückt auf die Tasten Alpha und Beta. Zwei Lämpchen glühen auf.
„Prüfe deinen Ticker!“, wendet er sich an seine Begleiterin.Gibba öffnet ihre Handtasche und schaltet darin einen winzigen Ultrakurzwellensender ein. Der Mann im Frackmantel drückt die Taste Gamma nieder. Das Lämpchen blinkt.
16 Uhr 23. Die Taste Delta wird niedergedrückt, doch das Lämpchen gibt keine Antwort.
„Was ist mit Delta?“, fragt Gibba besorgt.
„Er hat eine Minute vor uns einzutreffen und gibt erst dann sein Zeichen. Siehst du, jetzt brennt auch sein Lämpchen. Voila!“
Der Notsitz klappt zurück, der andere geht hoch. Er ist ähnlich eingerichtet. Die Tasten sind mit Nummern bezeichnet.
„Eins“ morst, dass der Andrang mittelmäßig sei, „Drei“ und „Vier“ melden nur Bereitschaft.
Der Mann im Frackmantel tickt am Taster einen kurzen Befehl. Dann hält der Wagen. Die beiden Insassen steigen aus und betrachten den Garten, der das Wohnhaus Meunions rings umfasst. Das Auto aber fährt weiter.
Am rückwärtigen Eingang des Hauses spricht eben ein Bote auf einen Diener ein, der ihn abzuweisen sucht. Doch in dem Augenblick, wo die Neuankommenden vor den Eingang treten, sinkt der Diener bewusstlos zu Boden. Delta der „Bote“ hat den betäubten Diener zu bewachen.
Im Innern des Hauses ist das Klingeln des Fernsprechers zu hören.
„Horch! Das Telefon?“, fragt Gibba kurz.
„An uns angeschlossen.“, beruhigt ihr Begleiter.
Der Anruf hat den Großindustriellen Meunion in sein Arbeitszimmer gerufen. Lässig setzt er sich an den Schreibtisch dicht neben dem Fenster. Kaum nimmt er den Hörer in die Hand, als etwa einen Meter vor ihm ein Geschoss, von unsichtbarer Hand durchs offene Fenster geschleudert, mit schwachem Knall zerbirst. Dichtgrauer Qualm quillt hoch und verbreitet sich mit unheimlicher Schnelligkeit im Zimmer.
Was ist das? Der Großindustrielle will aufspringen, aber seine Glieder versagen. Nur ganz langsam vermag er sich zu rühren. Sein Bewusstsein indes schwindet nicht. Der Kopf bleibt völlig klar.
Ebenso schnell verflüchtigt sich der graue Qualm. Hinter der weichenden Nebelwand steht ein Mann, dessen volles braunes Haar weit in die Stirn fällt. Das Gesicht ist grauenerregend, ist nur eine rosige und gänzlich unbehaarte Hautfläche, in der Augen, Nase und Mund fehlen. Und trotzdem bewegt sich und spricht dieses unheimliche Wesen wie jeder normale Mensch auch. Die breiten Schultern des Unbekannten hängen leicht nach vorne. Der kräftige Körper steckt in einer zinnoberroten Litewka und in einer schwarzen Gamaschenhose, die seitlich unterhalb des Knies zugeknöpft ist. Um die Schultern hängt ein weiter, schwarzer Frackmantel. Die Hände stecken in silberhellen Wildlederhandschuhen und den Kopf bedeckt ein Barett. Es ist der Mann ohne Gesicht.
Meunions Antlitz wird aschfahl. Seine Lippen bewegen sich schwer und vermögen keine Worte zu formen. Nur ein krächzendes Geräusch dringt aus seinem verzerrten Mund. Glasig stieren die Augen in unsagbarer Angst.
„Beruhigen Sie sich, Monsieur Meunion, es ist nicht das Kampfgas, welches Sie herstellen lassen. Die Lähmung geht vorüber.“
Zwischendurch tritt Gamma ein und berichtet:
„Nur noch die Köchin. Ich habe sie einschlafen lassen.“
Das Gesicht, das kein Gesicht ist, fängt wieder zu sprechen an:
„Monsieur Meunion! Ihr Diener ist bewusstlos, ihre Köchin betäubt. Sie selbst sind gelähmt. Am anderen Ende Ihres Telefons sitzt mein Freund Alpha. Wenn ich Sie jetzt wieder verlasse, wird mein Freund Beta noch mal eine Nebelgranate in Ihr Zimmer schleudern, um Sie an unüberlegten Eingriffen in meine Pläne zu hindern. Dann sind Sie wieder frei!“
Der Großindustrielle atmet erleichtert auf. Er fühlt sein Leben außer Gefahr.
„Gamma, löse ihm die rechte Hand!“
Gibba Marin entnimmt ihrer Handtasche ein Fläschchen, träufelt einige Tropfen auf die rechte Hand Meunions und verreibt die bräunliche Flüssigkeit.
Kaum fühlt der Industrielle, dass sich sein Unterarm und seine Finger wieder bewegen lassen, da beginnt sein Mut zurückzukehren. Aufmerksam besieht er sich „Gamma“.
Die Stimme des Eindringlings fährt fort:
„Nehmen Sie aus Ihrer Schublade das Scheckbuch für den Credit Lyonnais, aber lassen Sie Ihre Pistole liegen. Sie ist übrigens nicht mehr geladen.“
Verführt durch die Bewegungsfreiheit im rechten Unterarm, versucht Meunion sich zu einem Protest aufzuraffen, aber noch erstirbt seine Stimme in unartikulierten Lauten.
Meunion gehorcht.
„Schreiben Sie einen Scheck für mich über 2 Millionen Francs!“
Entsetzt starrt der Industrielle den Mann im schwarzen Frackmantel an.
„Ich bin zwar auf Ihre Unterschrift nicht angewiesen“, erklärt zynisch der Mann ohne Gesicht. „Ich besitze das nachfolgende Blatt Ihres Scheckbuches mit einer nicht zu erkennenden Fälschung Ihres Namenszuges, doch ziehe ich echte Unterschriften vor. Schreiben Sie!“
Noch einmal will sich der Überfallene dagegen sträuben, sinkt jedoch abermals kraftlos in seinen Stuhl zurück.
Der Mann ohne Gesicht zieht gelassen eine goldene Uhr aus der Hosentasche.
„Es ist 16 Uhr 30. In zwei Minuten verlasse ich das Haus mit dem Scheck, Monsieur! Mit zwei Millionen Francs können Sie Ihr Leben aus meiner Hand zurückkaufen. Habe ich deutlich genug gesprochen?“
Meunion ist kein Held. Er stellt den Scheck über die geforderte Summe aus, deren Verlust ihn schmerzt, aber nicht ruinieren kann. Der Mann ohne Gesicht löst das Papier aus dem Heftchen und steckt es zu sich. Dann gibt er mit dem kleinen Sender in seiner Manteltasche ein Tickerzeichen.
Kaum hat der Unheimliche die Tür hinter sich zugezogen, als mitten im Zimmer wieder eine Patrone zerknallt. Dicker grauer Rauch liegt wieder in dem Raum. Meunions Hand ist wieder unbeweglich wie der übrige Körper.
Mit dem Ticker hat der Mann ohne Gesicht seinen Wagen herbeigerufen. Im Vorbeirollen steigen die beiden ein und fahren geradewegs zum Credit Lyonnais.
Dort steigt Gibba aus, um sich in die Schalterhalle zu begeben. Nummer Eins zieht vor ihr die Botenmütze und schreitet hinter ihr her an den Scheckschalter.
Nummer Zwei steht am Schalter und streitet lebhaft mit dem Beamten, um sofort zurückzutreten, als Gibba den Scheck vorweist.
Erwartungsgemäß ruft die Bank den Großindustriellen in seiner Wohnung an, wenn auch große Zahlungen bei Meunion keine Seltenheit sind. Die Bank bekommt eine Unbedenklichkeitserklärung, denn Alpha übte sich lange genug in der Nachahmung der Stimme seines einstigen Chefs.
In Begleitung des Boten, der die Mappe mit den Tausend-Francsnoten an den Wagen trägt, verläßt Gibba die Bank.

*

Etwa um 17 Uhr 15 erwacht Meunions Diener aus seiner Betäubung. Was ist denn geschehen? Noch völlig verwirrt wankt er zum Arbeitszimmer seines Herrn. Kurz bevor er die Klinke niederdrücken will, hört er im Kellergeschoss einen Schrei. Dort ist die Köchin wieder zu sich gekommen. Sie hetzt die Treppe hoch, so schnell die Beine sie tragen und eilt gleichfalls auf das Arbeitszimmer Meunions zu. Vorsichtig öffnen sie und der verstörte Diener die Türe. Am Schreibtisch versucht eben der Gelähmte die freiwerdenden Glieder zu regen.
„Wo warst du, Jean?“
Mühsam entringen sich die Worte dem Munde Meunions.
„Ein Mann mit einer schwarzen Larve...“, stottert der Diener, wird aber von seinem Herrn unterbrochen.
„Nicht ein Mann ohne Gesicht?“
Verdutzt starrt Jean den Industriellen an, der begierig auf eine Antwort wartet.
Aber Jean wird dadurch nur noch verwirrter. Hat sein Herr etwa den Verstand eingebüsst? Ein Mann ohne Gesicht? Eine verrückte Idee! Der alte Jean liest keine Zeitungen und ist kein Schwätzer. Er weiß nichts von dem geheimnisvollen Wesen, das Paris in Angst und Schrecken versetzt.
Jetzt schüttelt er nur ungläubig den Kopf und sieht seinen Herrn prüfend an, so dass Meunion an seiner Erinnerungssicherheit zu zweifeln beginnt.
„Wir müssen auf jeden Fall die Surete sofort verständigen. Und nichts berühren, Jean und auch du, Lise!“
Die alte Köchin findet noch immer kein Wort. Auch auf diesen Befehl hin spricht sie keine Silbe. Sie ist ganz verwirrt und nickt nur heftig mit dem Kopfe.
Meunion hebt den Hörer ab, aber der Apparat bleibt stumm.
„Die Leitung ist unterbrochen. Jean, du musst sofort die Polizei rufen.“

*
Cliquots Nachfolger ist ein junger Beamter, der sich schon manche Lorbeeren geholt hat. Jetzt bietet sich ein neuer Fall, einen weiteren, sogar größeren Erfolg seinen früheren anzureihen.
Inspektor Reymond unterschätzt seinen Gegner nicht. Auf dem Weg zu Meunions Villa läßt er sich von dem Diener berichten und erkennt nur allzu bald, dass Moul, der Mann ohne Gesicht wieder am Werk gewesen ist.
Kurz ist sein Gruß an Meunion. Diener und Köchin schickt er weg. Dann unterbindet er den einsetzenden Redestrom des Überfallenen.
„Ist dieser Bogen Papier hier schon gelegen, ehe der Eindringling das Zimmer betrat?“
Meunion will den Bogen Papier ergreifen, der an der Ecke des Schreibtisches liegt und von ihm noch gar nicht beachtet worden ist. Doch Reymond verwehrt es ihm.
„Sie haben ihn also noch nicht gesehen und daher auch noch nicht berührt? Um so besser. Wir wollen sofort unseren Chemiker rufen. Es ist das erste Mal, dass wir das übliche Dokument als erste in die Hand bekommen.“
„Das Telefon ist unterbrochen, Monsieur Reymond, mein Diener wird Ihren Auftrag erledigen.“
Jean eilt aufgeregt aus dem Haus.
„Und nun eine sehr wichtige Frage, Monsieur Meunion. Sie sind der Überzeugung, dass Ihre Sinne während des Überfalls nicht etwa getrübt waren?“
„Nein, ganz bestimmt nicht. Ich habe mir die Beiden sogar sehr genau angesehen.“
„Die Beiden?“
„Ja, kurz nach dem Manne kam noch eine Dame ins Zimmer...“
„Rötlich blonde Haare?“
„Stimmt!“
„Auffallende Sommersprossen im Gesicht?“
„Sehr richtig! Und auf den Wangen ein auffallend hektisches Rot!“
„Letzteres ist neu.“
„Und Sie kennen diese Person?“, forscht überrascht Meunion.
Der Beamte überhört die Frage und setzt das Verhör fort.
„Wurde die – sagen wir einmal – Dame auch von dem Manne angesprochen? Wurde Sie Gibba genannt?“
„Nein, Gibba verstand ich nicht, sondern Gamma.“
„Gamma, hm? Dann hat vielleicht damals der Bürodiener Gibba statt Gamma verstanden.“, meint Reymond mehr zu sich. „Sie hörten also ganz deutlich Gamma?“
„Jawohl! Und Gamma rieb mir auch meinen Arm ein, um ihn wieder beweglich zu machen.“„Später, Monsieur, später! Zunächst noch andere Fragen! Bleiben wir bei Gamma! Sie haben sie trotz allem genau betrachtet?“
„Ich sagte mir, ich müsste sie doch beschreiben können.“
„Glauben Sie Monsieur, dass die Haare echt waren? Nicht etwa gefärbt?“
„Wenn sie gefärbt gewesen wären, so hätte ich das erkannt. Schließlich bin ich ja Chemiker.“
„Also, echtes rotblondes Haar?“
„Ich bin überzeugt!“
„Und die Sommersprossen? Waren die nicht etwa aufgemalt?“
„Auch das hätte mir auffallen müssen. Ich habe sehr genau hingesehen. Nur das hektische Rot. Ja, das konnte vielleicht aufgetragen sein.“
„Schade! Denn gerade diese Krankheit sieht oft unecht aus und ist doch wirkliche Blutfarbe. Und Gamma hieß sie, Gamma? Na, schön! Jetzt zu der Person des Mannes!“
Meunion gibt eine deutliche Beschreibung dieses unheimlichen Gastes. Er schildert das Aufquellen und das plötzliche Verschwinden des Nebels, hinter dem der Mann ohne Gesicht auftauchte. Bewegungen und Sprache seien durchaus normal gewesen. Körperhaltung, Kleidung, alles habe mit den Angaben früherer überfallener Opfer übereingestimmt.
„Und Sie sind auch der Meinung, dass der seltsame Gast nicht etwa eine Larve vorgebunden hat? Sie haben keine Sehschlitze beobachtet? Die Stimme klang nicht wie durch einen Schleier hindurch?“
Nichts von alledem hatte Meunion wahrnehmen können. Das war ja gerade das unheimliche, dass das Gesicht nicht etwa hinter einer Larve verborgen schien. Das wäre erschreckend aber nicht unheimlich gewesen, denn man hätte sich dahinter einen normalen Menschen denken können. Aber dieser Mann ohne Gesicht musste allem Anschein nach sehen, ohne Augen zu haben und sprechen, ohne einen Mund zu haben.
Meunion zieht schweigend die Schultern hoch. Er kann es nicht erklären.
„Aber einen Mund muss dieser Mann doch haben!“, ereifert sich der Beamte. „Er muss doch essen. Atmen kann man vielleicht durch die Haut oder die Ohren, was weiß ich? Aber essen und trinken, Monsieur Meunion!“
Es klopft an der Türe. Der Diener meldet den Chemiker.
„Ah, vielleicht bringt er uns einen Schritt weiter. Monsieur Meunion, Sie sind ja auch Chemiker! Darf ich die Herren bekanntmachen.“
Zum erstenmal ist ein Papierbogen von dem Mann ohne Gesicht vorgefunden worden, der das gefürchtete Zeichen noch nicht trägt.
Reymond berichtet dem Industriellen. Wo bisher der Mann ohne Gesicht auftrat, ließ er stets ein leeres Blatt Papier zurück. Nahm man aber das Papier zur Hand – und das war leider bisher immer geschehen – so erschien auf dem Bogen das Zeichen des Mannes ohne Gesicht, vier nach abwärts gestaffelte, kettenförmig ineinander verschlungene Buchstaben: M O U L. Was das zu bedeuten hat, kann niemand sagen. Die Kriminalisten nehmen aber an, dass es ein Deckname ist. Und darum nennen sie auch den Mann ohne Gesicht kurz Moul.
„Wir wollen zunächst einmal mit einer gegen Wärme isolierten Schere das Blatt zerschneiden, um damit verschiedene Versuche anstellen zu können. Sicher scheint, dass sich die unsichtbare Tinte nach Einwirkung von Körperwärme sichtbar macht. Das wäre an sich keine Hexerei,“ erklärt der Chemiker, „aber wir können keine einzige der uns bekannten Tinten aus der sichtbar gewordenen Schrift nachweisen.“
Die beiden Chemiker verhüllen mit Tüchern den Mund wie operierende Ärzte, um nicht durch ihren Atem die Färbung herbeizuführen. Mit einer stark gekühlten Pinzette fassen sie das Papier, um mit einer ebenso kalten Schere das Dokument zu durchschneiden.
Aha! Die Annahme mit Atem- oder Körperwärme stimmt. Der Name erscheint nicht. Nun haben sie vier Versuchsstücke, wenn wie bisher die Schrift des Namens sich über das ganze Blatt hinzieht.
Erst ein Verdunkelungsversuch! Nichts. Vor der Entwicklung zeigt das Blatt nicht die Phosphoreszenzerscheinung wie nachher.
Immer neue Tropfen und Pülverchen werden auf nochmals zerkleinerte Stücke Papier gebracht. Aber es zeigt sich nichts. Der Chemiker legt ein Stückchen auf eine eingeschaltete elektrische Birne. Nichts! Noch ein anderes Stückchen! Wieder kein Ergebnis.
Die Chemiker sehen sich ratlos an. Nun haben sie das Papier in Flüssigkeiten gelegt und künstlich erwärmt. Das Papier aber zeigt keine Reaktion. Endlich fasst der Polizeichemiker ein Stück mit der ungeschützten Hand an und langsam wird der Teil eines M deutlich. Ein anderes Stück haucht er an und der Übergang vom O zum U wird schon schneller erkenntlich. Die letzte Ecke des L zeigt sich fast augenblicklich, als Atem und Hand gleichzeitig darauf einwirken.
„Verstehen Sie das, Monsieur Meunion?“
Der zuckt nur die Schultern.
Ein Assistent, der den Diener und die Köchin vernahm und außerdem sorgfältig nach Spuren suchte, meldet sich bei Reymond. Das Verhör der beiden Hausangestellten hat nichts erbracht. Ebenso sind nirgends Spuren zu entdecken.
Monsieur Meunion, der Polizeichemiker und Inspektor Reymond stehen vor einem Rätsel. Moul hatte wieder einmal ganze Arbeit geleistet.

Kapitel 2

Auteuil, der Rennplatz von Paris. Auteuil, die große Modeschau. Auteuil das gesellschaftliche Ereignis. Auteuil...
Was ist Auteuil?
Für jeden etwas besonderes.
Für den Grandseigneur und den emporgekommenen Börsianer eine Selbstverständlichkeit, für den Francais moyen, den gutsituierten Bürger eine noble Gewohnheit, für den Jüngling mit der zu kurz gewordenen langen Hose und für das Schreibfräulein im billigen Fähnchen die Erfüllung eines Wunschtraumes. Für den Spieler von Passion eine Chance, für den Snob ein Bedürfnis und für die mondäne Frau ein Rahmen.
Zwei junge Besucher mustern die Ankommenden.
„Schau, dort den fabelhaften Cadillac!“
„Einer von den 5 oder 6 schweren Wagen Lamentiers“, erwidert gelassen der junge Mann.
Die lichtgrüne Limousine mit der Silberfassung fällt selbst hier auf. Der Fahrer des Wagens und der Diener neben ihm sind gleich gekleidet. Weiße Sportmütze mit eckigem Schild, beigefarbener Rock im Ulankaschnitt mit silbernen Fangschnüren zur linken Schulter, die Kniggerbocker in bräunlich glattem Flanell, und einen Ton dunkler die Strümpfe, während die Schuhe wieder die gleiche Farbe wie die Hosen aufweisen.
Noch im Anrollen springt der Diener ab und überquert hinter dem Wagen die Fahrbahn. Dann öffnet er die breite Türe des Fahrzeugs und schlägt zur Erleichterung des Ausstiegs ein Stück des Daches zurück.
Ein mit erlesener Eleganz gekleideter Herr steigt aus der Limousine. Ein grauer Turfzylinder bedeckt den Kopf. Der graue, leichtgemusterte Gehrock ist tadellos in die Taille gearbeitet. In der Hand pendeln helle Handschuhe und das kakaobraune Futteral des Feldstechers. Der Herr reicht seine Rechte galant der Dame, die hinter ihm dem Wagen entschlüpft.
Der stattliche Mann mit dem gutgeschnittenem Gesicht und dem leichtfedernden Schritt ist Georges Lamentier, Bankier und Führer einer starken Finanzgruppe. Seine Freundin, Germaine Crayon, die sich gerne als Madame Lamentier ansprechen läßt, ist eine bildschöne Frau, graziös und von vollendeten Formen. Sie trägt ein gelbes, weitglockiges Seidenchiffonkleid mit großen Blumen und vielen Volants. Unter einem hellen Florentinerhut quillt das Dunkelblond ihrer Locken hervor.
Sofort umringt ein Kreis von Bewunderern und Verehrern die beiden.
Noch ehe sie ihre Plätze erreichen, wird das erste Feld abgelassen.
Tausende von Menschen starren unverwandt auf die Bahn.
Als die Reiter in die Gerade kommen, liegt „Crignol“ klar in Front.
Georges Lamentier hebt mit lässiger Gebärde den Feldstecher. Dann wendet er sich lächelnd zu Germaine.
„Du verdienst nicht unter 10.000, mon Cherie!“
„Ich?“
„Ja, ich habe für dich auf „Crignol“ gesetzt.“
Germaine Crayon dankt mit leichtem Kopfnicken und einem feinen Lächeln, ohne ihr Gespräch mit einer Freundin auch nur für Augenblicke zu unterbrechen.
Die Pause bringt eine leichte Entspannung. Man plaudert und erörtert die Aussichten in den nächsten Rennen.
Charles Redrigue ist heute keinen Schritt von dem Finanzmann gewichen. Für ihn hat das Rennen keinen anderen Zweck, als Lamentier in einer günstigen Minute anzutreffen.
„Georges, ich habe für dich eine kleine Überraschung.“
„-?“
„Man will dich mit der Rosette der Ehrenlegion auszeichnen.“
Eigentlich bei einem Manne wie Lamentier nichts besonderes. Überraschend nur deshalb, weil der Finanzmann noch nicht einmal das 30. Lebensjahr überschritten hatte.
„Wer will...?“
„Der Minister hat mich... ich will nicht sagen... beauftragt. Es ist da nur... du weißt... irgend ein besonderes Verdienst, eine Stiftung...“
Lamentier schmunzelt vor sich hin. Wahrlich, ihm brauchte man mit solchen Dingen nie lange in den Ohren zu liegen. Er hatte oft genug schon namhafte Spenden gegeben.
Um so mehr aber ist Redrigue erstaunt, als er jetzt eine ganz unverblümte glatte Absage erhält.
„Nein, mein lieber Charles! Daraus wird nichts.“
Eine Handbewegung unterstreicht Lamentiers Ablehnung.
„Ja, aber du kannst doch nicht den Minister vor den Kopf stoßen, Georges. Das ist doch.....“
„Will ich auch gar nicht. Wenn du für irgend eine gute Sache Geld haben willst, so lasse mich es wissen und du bekommst einen Scheck. Aber ich will mir nicht mit Geld die Rosette der Ehrenlegion erkaufen. Verstehst du? Ich müsste sie ablehnen, wenn diese Stiftung dazu der Anlass wäre.“
„Na ja, eine hübsche Geste. Georges, das muss man dir lassen.“
„Oh nein, mein Lieber. Mein voller Ernst. Wenn man mir schon die Ehre erweisen will, so will ich sie mir verdienen. Schecks auszufüllen ist für Leute, die mehr Geld haben als sie verbrauchen können, kein Verdienst, mein lieber Charles!“
Redrigue will weitersprechen. Er weiß sich bereits am Ziel. Es gilt nur noch die Formel zu finden und das war für ihn, den Deputierten, keine Schwierigkeit. Aber er bricht augenblicklich die Verhandlung ab, als neue Freunde Lamentiers hinzukommen um dem immer gut informierten Finanzmann um Tips für das nächste Rennen auszuholen.
Erst nachdem eines der Pferde aus seinem Stall als erstes das Ziel durchlaufen hat, ist Lamentier wieder für den Vertrauten des Ministers zu sprechen.
„Georges, du musst mir mein Amt nicht zu schwer machen. Wie sage ich es meinem Minister?“„Es bleibt dabei! Ich will es mir ehrlich verdienen.“
Der Präsident der Pariser Surete geht grüßend an der Loge des Finanzmannes vorbei.
„Der hat auch Sorgen, schwere Sorgen. Die Öffentlichkeit ist unzufrieden mit ihm“, kommentiert Charles Redrigue.
„Der Mann ohne Gesicht macht ihm eben schwer zu schaffen!“, gibt lachend einer der Umstehenden zurück.
Dem Dritten fällt ein Vierter ins Wort:
„Müsste man nicht Angst vor ihm haben, man könnte fast Achtung vor ihm empfinden.“
„Wenn er selbst schon unter ehrlichen Bürgern Freunde hat... oho! Die Polizei hat es wirklich nicht leicht.“
Wieder der Erste:
„Es wäre wahrhaftig eine Tat, wenn einer diesen Schurken unschädlich machen würde.“
„Charles, Charles!“
Lamentier sucht den Vertrauten des Ministers, der sich mit einer Gruppe höherer Beamten in der Nähe unterhält.
Der Finanzmann zieht den Deputierten Redrigue ein wenig zur Seite. Sie streifen ein wenig zwischen den Menschen umher, die von tipsüchtigen Einzelgängern umlauscht, das nächste Rennen besprechen.
„Hast du etwa deinen Sinn geändert, Georges? Es sollte mich wirklich freuen.“
„Nein, mein Lieber, aber ich habe einen großartigen Einfall!“
„Da bin ich aber neugierig!“
„Also, pass auf! Ich will die Republik von ihrem größten Schädling befreien. Großartig, was?“
Das findet nun Charles durchaus nicht, wenn er auch im Augenblick nicht recht weiß, wen sich der Finanzmann unter dem größten Feind der Republik vorstellt.
„Hm, ja! Wen meinst du damit?“
„Ich sage dem „Mann ohne Gesicht“ den Kampf bis zur Vernichtung an. Ich werde mir die besten Detektive heranholen. Aber ich werde natürlich die Oberleitung der Aktion in meiner Hand behalten.“
Dem Deputierten kommt dieser Vorschlag des Finanzmannes ebenso überraschend wie ungelegen.
Der Minister des Innern wollte doch Lamentier mit der Rosette der Ehrenlegion auszeichnen. Und dieser naive Lamentier bedenkt wohl gar nicht, dass er mit seinem Plan eigentlich darauf ausgeht, die Pariser Surete gründlich zu blamieren. Und dabei untersteht doch das Polizeiwesen dem Minister des Innern. Nein, nein! Davon muss Lamentier abgebracht werden.
Aber Charles Redrigue kennt seinen Freund noch zu wenig. Hatte der sich einmal eine Marotte in den Kopf gesetzt, so hielt er stur daran fest, auch wenn sie kostspielig oder unvernünftig ist. Gerade das stärkt sein Selbstbewusstsein, dass er sich den teueren oder unsinnigen Unfug leisten kann.
Der Vertraute des Ministers ist peinlich berührt. Es gibt da nur einen Weg. Er muss sich noch heute den Scheck sichern und ihn dem Minister mit der Erklärung übergeben, dass der Spender vorerst nicht genannt sein wolle.
Dem großherzigen Stifter würde er schon beizubringen wissen, dass er im Interesse der Öffentlichkeit, des Vaterlandes... na, das würde sich dann schon finden.
Der gewandte Parlamentarier lächelt bereits wieder. Er glaubt, einen Weg gefunden zu haben.

*
Der Privatsekretär Lamentiers, Raoul Largny, ein Mann von glatter Höflichkeit und sicherer Gewandtheit in allen geschäftlichen Dingen, hat seinem Chef eben die Post gebracht.
Der Finanzmann ist in die Morgenzeitung vertieft. Die Beine übereinandergeschlagen, sitzt er in einem auf vier starken, zähen Federn ruhenden Stuhl, dessen Lehne aus einem grün gefärbten Kautschukstab gebogen ist. Sein Schreibtisch besteht aus einem Stahlgerüst, auf dem eine rote Presskorkplatte liegt. Die Wände des Schreibtisches sind unzerbrechliches und undurchsichtiges Kristallglas von edlem Schliff. Ungemein sachlich sieht sich das an.
Dazu will die ungestüme Impulsivität des Chefs gar nicht recht passen.
„Hören Sie mal, Largny!“
Der Sekretär nimmt bereits seinen Notizblock zur Hand.
„Nichts Geschäftliches, mein Lieber! Sie haben wohl noch nicht das neueste Attentat auf die Creditbank gelesen? Der Überfallene, der Wächter der Schatzkammer sagt aus – ein Interview mit ihm! Geben Sie acht, Largny: „Mein Kollege kam in die Schatzkammer und teilte mir mit, dass das Geld für New York abgeholt würde. Der Panzerwagen sei eben vorgefahren. Ich begab mich dann zu einem Tisch, auf dem ich die Summe bereitgerichtet hatte. Plötzlich drehte ich mich um und hinter mir stand ein Mann, dem kräftiges braunes Haar weit in die Stirn fiel. Die Stelle des Gesichts nahm eine rosige, gänzlich unbehaarte Hautfläche ein.“ Largny, das ist wieder der Mann ohne Gesicht, das ist Moul. Natürlich wurde der Wächter unschädlich gemacht. Das Geld ist verschwunden. 15 Millionen Dollars, Largny, was sagen Sie dazu?“
„Nun, einmal wird es der Polizei wohl gelingen, des Verbrechers habhaft zu werden, glauben Sie nicht auch, Monsieur Lamentier? Dem Burschen ist zuzutrauen, dass er auch noch unser Bankhaus heimsucht und um einige Millionen erleichtert. Man muss auf der Hut sein, Monsieur Lamentier!“
„Ja, mein lieber Largny, leider versagt unsere Surete immer in den wichtigsten Fällen. Dieser Moul spielt mit ihr, wie er will. Der Moul mit seiner rotblonden Gibba oder Gamma. Natürlich war sie auch wieder dabei. Sommersprossen hat sie im Gesicht. Ein merkwürdiger Geschmack dieses Mannes ohne Gesicht. Nun freilich, er scheint ja auch gerade keine Schönheit zu sein. Zu unserer Polizei jedenfalls habe ich gar kein Vertrauen. Sie müsste ihm längst das Handwerk gelegt haben.“
Der Privatsekretär gibt mit stummen Verbeugungen immer wieder der Übereinstimmung seiner Ansichten mit denen seines Chefs Ausdruck. Er ist immer mit dessen Meinungen einverstanden.
„Natürlich!“, oder „Ganz selbstverständlich!“ Das sind seine Antworten, wenn er einmal sein Schweigen bricht.
Heute wundert er sich über die außerordentliche Lebhaftigkeit des Chefs. Dabei ist doch ansonst Lamentier die unerschütterliche Ruhe selbst.
„Largny, finden Sie nicht, dass hier einmal eine andere Macht eingreifen müsste, die nicht mit der Bürokratie der Polizei belastet ist? Eine ganz moderne Methode müsste gegen diesen Menschen angewandt werden.“
„Ja, ja, natürlich!“
„Halten Sie es nicht auch für ein hervorragendes Verdienst um die Republik, wenn jemand es sich zur Aufgabe macht, zusammen mit den besten Detektiven, diesem Moul das Handwerk zu legen?“
„Aber gewiss!“
„Nun, Largny, hören Sie: Ich bin es, der Moul zur Strecke bringen will.“
Der Mann in seinem schwarzen Lüsterjackett ist wohl daran gewöhnt, dass sein Chef zuweilen Bankaufträge erteilt, die gegen alle Gepflogenheiten verstoßen. Aber Largny nimmt sie längst hin, ohne darüber zu grübeln. In diesen Dingen ist sein Herr genial. Sie glückten fast immer. Wagt sich aber jetzt der Finanzmann mit einem Mal nicht auf ein völlig fremdes Gebiet? Das ist... Largny verschlägt es die Stimme.
„Und Sie, Largny, müssen mir dabei zur Seite stehen.“
Zu einem Widerspruch bringt es Largny nicht. Er verzichtet nur auf ein zustimmendes Wort. Mechanisch aber macht der Oberkörper eine leichte Verbeugung.
„Oder haben Sie Angst? Nein? Ich will natürlich nicht, dass Sie den Verbrecherjäger spielen. Schließlich sind Sie verheiratet, mein Lieber und haben ein kleines Töchterchen. Ich meine nur, dass Sie mir helfen sollen, die rechten Leute dafür zu finden.“
„Sehr wohl, Monsieur Lamentier, sehr wohl!“
Largny ist es schon bedeutend leichter ums Herz. Sein Mannesmut erschöpft sich im täglichen Kampf mit den Zahlen. Das genügt ihm.
„Ich will die besten Detektive des Kontinents zusammenrufen und sie hinter dem geheimnisvollen Monsieur Moul herhetzen.“
Im Bewusstsein wachsender Sicherheit gegen die Bedrohung, versichert beherzt der Sekretär, dass er umgehend die Anschriften ermitteln werde. Das war eine Aufgabe für ihn. Darin verstand er seinen Mann zu stellen.
„Einen kenne ich persönlich, Largny, den brauchen Sie gar nicht einzuladen. Monsieur Breuil wird mir bestimmt zur Verfügung stehen. Ich will ihn gleich selbst anrufen. Ja, lassen Sie die Post nur! Die Republik hat jetzt das erste Recht an uns, Largny!“

*
Im Konferenzsaal seines Bankhauses hat Georges Lamentier wenige Tage später ungewohnte Gäste versammelt.
Schon in ihrem Äußeren weichen sie erheblich von den üblichen Besuchern ab, die meist wohlbeleibt und gewichtig auf den Stühlen sitzen und in Zahlen sprechen.
Drei Gruppen bilden die Geladenen, ehe Lamentier in Begleitung seines Privatsekretärs den Saal betritt.
Herzlich begrüßt der Finanzmann Breuil, der mit einem Stab von zwei Herren und einer Dame erschienen ist. Während er Breuil die Hand schüttelt, begnügt er sich bei den Leuten von Breuils Stabe mit einer förmlichen Verbeugung.
Die zweite Gruppe führt der Italiener Daniele Bianco. In seinem Gefolge befinden sich zwei Herren mit kräftigen Habichtsnasen, zwei Vettern, wie der Maestro erläutert.
Die dritte Gruppe zählt eigentlich nur einen einzigen Mann, einen Engländer. Blonde Haare krönen ein energisches Gesicht. Der Körper ist schlank aber kräftig. Es ist Mc Connell, der Meisterdetektiv.
„Wo haben Sie Ihre Leute?“, fragt Lamentier.
„Monsieur Lamentier! Überlassen Sie bitte die Methode mir! Erst muss ich wissen, was meine Aufgabe ist. Danach erst suche ich mir meine Helfer.“
Lamentier tut so, als habe er die Antwort überhört und bittet die Erschienenen Platz zu nehmen. Ein Diener reicht Zigarren und Zigaretten. An jedem Platz liegen Papier und Bleistift.
Lamentier läßt sich von seinem Sekretär den Akt vorlegen, in dem alle Zeitungsnachrichten und alles, was sonst zur Sache Moul gehörte, gesammelt sind.
Die Ausschnitte werden über den ovalen, polierten Nussbaumtisch nach allen Seiten ausgeteilt.
„Ich nehme an, meine Herren, die Persönlichkeit des Mannes, den ich zur Strecke bringen will, ist Ihnen so bekannt wie mir.“
Breuil nickt zustimmend. Bianco rühmt sich gleichfalls der bereits eingezogenen Erkundigungen. Nur Mc Connell, der Engländer, macht Einwendungen.
„Soweit mir bis jetzt bekannt ist, konnte noch niemand feststellen, wer denn eigentlich dieser Mann ohne Gesicht ist. Lediglich die Überfallenen, denen er gegenübertrat, konnten eine Beschreibung von seiner Person geben. Aber bis jetzt hat noch niemand außerhalb der Tatorte einen Mann ohne Gesicht gesehen. Und es müsste doch, denke ich, auffallen, wenn man so einen Menschen auf der Strasse trifft.“Das ist eine lange Einleitungsrede, wie sie sonst nicht Mc Connells Art ist. Wenn er ausführlich sprach, so meist nur über den erzielten Erfolg. Diesmal sieht er sich einer Anzahl Konkurrenten gegenüber, von denen er gleich im vornherein Abstand nehmen will.
Lamentier erkennt sofort diese Absicht. Er ist zweifellos ein guter Menschenkenner. Mit ein Grund seiner Erfolge! Ebenso fühlt auch er den Unterschied zwischen dem Italiener und dem Engländer. Breuil, seinen Freund nimmt er freilich aus diesem Vergleich aus.
„Ihren Ausführungen kann ich nicht widersprechen, Mister Mc Connell. Wir kennen tatsächlich nicht die Person, sondern nur die Erscheinung des Moul.“
Bianco, der zwar tatsächlich noch nicht mehr weiß, als was in den Zeitungen stand, gebärdet sich trotzdem, als sei er bereits völlig im Bilde. Aber er spricht nicht. Breuil hält sich überhaupt zurück. Und Mc Connell ist der Ansicht, dass schon genug der Worte verschwendet worden sind. Er gibt nicht viel auf den Kriegsrat, der hier aufgezogen wurde. Er will lediglich sondieren, wer ihm möglicherweise bei der Arbeit die Spur verderben könnte.
Darum ist es ihm angenehm, dass jetzt Lamentier eine Verteilung der Aufgaben vornimmt, wenn auch Mc Connell im vornherein entschlossen ist, sich nicht an diese stümperhafte Abgrenzung der Tätigkeitsgebiete zu halten.
Breuil bekommt den Sektor zugewiesen, in dem sowohl die Wohnung und das Bankhaus Lamentiers liegen, also Paris südlich der Seine. Er hat sich darum besonders beworben. Die nördlichen Stadtteile werden durch eine gedachte Linie vom Obelisk de Luksor auf dem Concordienplatz zur Kuppel von Sacre Coeur auf dem Montmartre zugeteilt. Den östlichen Teil erhält der Engländer zugeteilt. Mc Connell brummelt nur ein kurzes „Yes, Sir!“ dazu, ohne auch nur auf den vor ihm liegenden Stadtplan einen Blick zu tun. Seine Gedanken gehen längst ihre besonderen Wege.

Kapitel 3

„Guten Morgen, alter Freund!“
„Servus, Mc Connell! Was führt dich nach Paris? Vergnügen oder Geschäft?“
Mc Connell schüttelt Sheppard, dem Agenten von Scotland Yard in Paris, herzlich die Hand.
„Diesmal ist es wirklich ein Geschäft und kein Vergnügen.“
„Warst lange nicht mehr hier. Das letzte Mal, als wir in der Valenciabar die Spur des Perlenräubers ausmachten!“
Sheppard merkt seinem Freunde an, dass er zu seinem neuen Fall noch herzlich wenig Lust hat. Aber die wird bei ihm sicherlich noch kommen, sobald er sich mit der Angelegenheit eingehender befassen wird.
Sheppard will zunächst seinen Freund nicht mit weiteren Fragen stören und so reicht er ihm seinen Tabaksbeutel, weil er weiß, dass Mc Connell eine Schwäche für echten ägyptischen Tabak besitzt.
„Wollen mal erst richtige Detektive spielen und uns die Pfeifen stopfen. Dazu noch einen kleinen Whisky zum Willkomm!“
Sheppards Behausung ist eine richtige Junggesellenwohnung, gemütlich aber ohne Gepflegtheit, die etwa Mc Connell in seinen eigenen Räumen Zuhause in London liebt.
Nach dem ersten Schluck sieht Sheppard den Freund und Kollegen erwartungsvoll an.
„Du wirst dir ja denken können, weshalb ich hier bin.“, beginnt Mc Connell, „Es ist dieser neue Pariser Unfug mit dem Mann ohne Gesicht. Mein Auftraggeber Lamentier würde besser tun, sich mit seinen Bankgeschäften zu befassen, statt seine Nase in Dinge zu stecken, von denen er herzlich wenig versteht.“
„Warum so verstimmt? Pack aus! Macht dir wohl der Mann ohne Gesicht großen Kummer?“
„Ach was! Gut, man nimmt bei reichen Leuten in Kauf, dass sie Schrullen haben, aber das ist mir denn doch noch nicht vorgekommen, dass einer aus purer Laune Polizei spielen will. Wenn dieser Lamentier nicht ein so bekannter und routinierter Bankmensch wäre, könnte man sagen, er habe vielleicht seinen Beruf verfehlt. Und dann einmal ganz wörtlich genommen, ist diese Geschichte mit dem Mann ohne Gesicht einfach ein aufgelegter Schwindel.“
„Warum nicht?“, gibt Sheppard zurück. „Es gibt doch zusammengewachsene Menschen, Leute mit vier Armen oder zwei Köpfen und dergleichen.“
„Gewiss, die Natur hat oft die seltsamsten Launen, aber ein Mann ohne Gesicht? Nein, mein Freund! Übrigens ist das im Augenblick auch gar nicht so wichtig.“
„Hast du schon irgendwelche Anhaltspunkte?“, will Sheppard wissen.
Mc Connell verneint und berichtet dann von Lamentiers Kriegsrat und den versammelten Kriminalisten, die der Bankier zusammengerufen hat.
Sheppard kann es nicht unterlassen, Mc Connell damit zu hänseln, dass er sich diesmal einem Oberbefehl unterstellen müsse. Aber der Meister kneift nur pfiffig sein linkes Auge zu und Sheppard versteht.
„Hör gut zu, mein lieber Sheppard! Dieses neue kriminalistische Genie von einem Lamentier finanziert die ganze Sache, weil diesmal Scotland Yard kein Interesse an dem Täter hat. Und natürlich will der Herr Chef für sein Geld auch etwas haben. Es ist ein richtiges Theater. Im übrigen: Hast du Lust mitzumachen?“
„Mit dir gerne!“
„Außerdem brauche ich dich, um wirkungsvoller auftreten zu können. Die anderen, der Franzose und der Italiener haben bereits ihre Hilfskräfte mitgebracht. Also, abgemacht!“
Mc Connell zieht kräftig an seiner Pfeife, nimmt einen Schluck und fügt hinzu:
„Das wäre dann vorläufig alles.“
Sheppard nickt und freut sich darauf, mit Mc Connell zusammen zu arbeiten. Denn dieser Meister unter den Kriminalisten zeichnete sich bisher nicht nur durch seinen hervorragenden Spürsinn aus, der die unwahrscheinlichsten Verstecke mit verblüffender Sicherheit fand. Er ist ebenso bekannt für die Folgerichtigkeit seiner Schlüsse, die er aus den gefundenen Tatsachen zu ziehen wusste.
„Du bist doch seit neuestem unserer Botschaft zugeteilt, Sheppard?“
„Natürlich stehe ich, wie man so sagt, in Diplomatischen Diensten.“ , ist die vergnügte Antwort.
„Dann sieh doch einmal zu, dass wir die Polizeilichen Akten über die einzelnen Fälle des Täters über die Botschaft bekommen. Ich möchte zunächst nicht mit der Surete in Verbindung treten. Ich kann mir vorstellen, dass sie die Konkurrenz dieses Lamentiers als peinlich empfinden muss. Und darunter soll unsere Arbeit nicht leiden.“
„Das leuchtet mir ein. Die Unterlagen kann ich dir beschaffen.“
„Weiter ist dir nicht aufgefallen, dass die vier oder fünf Leute, die bis jetzt den Besuch des Täters empfangen haben, gerade dann überfallen wurden, wenn sie eine größere Zahlung erhalten hatten?“
„Ja, das ist richtig. Aber daran habe ich noch gar nicht gedacht. Das ist wieder einmal deine bekannte Vergleichsmethodik. Ich hätte längst suchen sollen, worin – besonders in Kleinigkeiten – sich die Fälle ähneln.“
Mc Connell läßt diesen Selbstvorwurf nicht gelten.
„Dich ging ja die Sache bis jetzt nichts an. Aber wenn ich richtig im Bilde bin – Genaueres können wir erst aus den Polizeilichen Akten erfahren oder auch nicht – dann haben die Überfallenen dieses Geld ja gar nicht Zuhause gehabt, denn es sind durchwegs in der breiten Öffentlichkeit bekannte Geschäftsleute. Die Ermordung des Kriminalbeamten schalte ich zunächst einmal aus, weil sie vom Standpunkt des Gauners aus nur eine Schutzmassnahme gewesen ist. Cliquot scheint auf der Spur gewesen zu sein.“
„Eine Lehre, Mc Connell, dass du dich verdammt vorsehen müssen wirst. Denn ich bin überzeugt, dass auch du diesem merkwürdigen Gentleman nicht verborgen bleiben wirst. Außerdem wird sich dein Auftraggeber bald genug deiner Person zur eigenen Verherrlichung bedienen.“
„Na, lass gut sein, Sheppard.“ , wehrt Mc Connell ab und unterbricht sein Getändel mit dem Aschenbecher, der ein paar Sonnenstrahlen auffängt und gegen die Decke wirft.
„Auf meiner Suche nach parallelen Vorgängen kam ich auf den Gedanken, dass der Täter durch die gleiche Stelle jeweils informiert worden sein musste, wann eine größere Zahlung jeweils erfolgt ist. Wer weiß das?“
„Na, entweder die Stelle die einzahlt oder die Stelle, bei der die Beträge eingehen.“
„So ungefähr rechne ich auch. Und wenn du nun erwägen würdest, wer bei den einzelnen Überfallenen die fragliche Zahlung geleistet und wer sie empfangen hat, so müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn wir damit nicht einen Faden finden, der uns dem Ziele näher bringen könnte.“
„Ich werde das sofort anpacken.“
Mc Connell lehnt sich bequem im Stuhl zurück und streckt die Beine aus.
„Wenn du mir dabei einen Gefallen tun willst Sheppard, so frage die bisherigen Opfer nach ihren Bankverbindungen. Eventuell kannst du sie auf meinen späteren Besuch vorbereiten. Aber die Leute sollen jetzt nicht durch Fragen angeregt werden, selbst drauf los zu kombinieren und dann womöglich die Tatsachen mit Einbildungen zu verwechseln oder umgekehrt.“
„Ich werde mich daran halten. Aber Mc...“
„Was bedrängt dein Herz, alter Freund?“
„Ich weiß, du liebst es nicht, wenn man dir auch als Freund in die Karten guckt. Aber ich denke an den armen Cliqout und hätte daher ganz gern einen kleinen Wink, wo du dich in der Zwischenzeit herumtreibst. Gewiss nicht aus Neugier. Du kannst mir es unter Verschluss für den Notfall zu treuen Händen geben. Aber mir ist wohler, wenn ich weiß...“
Mc Connell lacht herzhaft und unbekümmert vor sich hin. Er ist seiner Sache sicher wie immer, aber er versteht auch die Besorgtheit des Freundes.
„Sicherer als hinter Kleister und Siegel, mein lieber Sheppard, ist ein Geheimnis bei dir aufgehoben. Um dich zu beruhigen, so wisse, dass ich mich ein wenig in die kleine Gibba Marin verlieben werde – ausgesprochen dienstlich natürlich. Ich werde also zunächst einmal ihre Wege beobachten.“
„Weißt du denn überhaupt, wo sie wohnt?“
„Dies zu erfahren ist meine erste Sorge gewesen.“
„Du glaubst also nicht an ihre Unschuld in dieser Sache?“
Mc Connell wippt mit den Füssen. Das tat er stets, wenn er nach einer genauen Formulierung eines Gedanken suchte.
„Du kennst doch die Pariserinnen?“
„Ja, so ziemlich.“
„Dann weißt du auch mit Sicherheit, dass sie nicht auf den Mund gefallen sind.“
„Man sagt ihnen das nach, wenn es auch nicht sehr galant ist. Übrigens können das nicht nur die Pariserinnen.“
„Das mag richtig sein. Also, Gibba Marin nahm sich auch vor Gericht kein Blatt vor ihren reizenden Schnabel. Sie spielte ihre Rolle als zungengewandte Pariserin recht gut. Ich sage „Rolle“. Trotzdem beging sie einen Fehler. Denn gerade diese Frauen pflegen nämlich vor der hohen Obrigkeit, gar erst auf der Anklagebank nicht sehr mutig und unerschrocken aufzutreten.“
„Ich verstehe.“„Deshalb glaube ich vielmehr, dass ihre Unerschrockenheit, ja Kaltblütigkeit, mit der sie den Richtern Rede und Antwort stand, einen anderen Grund hat. Ist es ein zu kühner Gedankensprung, wenn ich vermute, dass sie dem Täter ganz und gar hörig ist? Aus ihr sprach, wenn ich nicht irre, jener andere. Denn ihre Verteidigungstaktik war zu überlegt. Im Gefühl ihrer Unschuld wehrt sich eine Frau viel impulsiver.“
Sheppard findet keine Erwiderung. Diese Ausführungen gehen schon auf ein Gebiet, auf dem er dem großen Meister nicht mehr zu folgen vermag. Das bedeutet nicht, dass er Mc Connell nicht verstehen würde, aber er selbst wäre nie zu solchen Kombinationen fähig. Das ist eben die einmalige Veranlagung Mc Connells, der sich gleichsam in die Seele des Täters hineinzudenken versteht.
„Na, was denkst du?“
„Da magst du recht haben, Mc. Außerdem hätte der Staatsanwalt nicht die Anklage erhoben, wenn er nicht von der Schuld der Gibba Marin überzeugt gewesen wäre. Es ist ihm nur aus Mangel an Beweismittel nicht gelungen, das Gericht von der Mittäterschaft der Gibba zu überzeugen.“
„Eben, das deckt sich mit meiner Meinung und darum werden wir ihm ein paar Beweismittel zu beschaffen suchen.“, entgegnet Mc Connell.
„So fest bist du von der Mitwirkung der Gibba oder Gamma, wie sie jetzt zu heißen scheint, überzeugt?“
„Fast so fest.“, scherzt Mc Connell. „Aber sag mal, was macht denn unser Schminktiegelmeister und Perückenkönig, der gute Rammond?“
„Brauchst du eine Maske?“
„Vorläufig nicht, ich habe selbst ein paar neue mitgebracht, denn wir werden wohl noch tüchtiger sein müssen, als der Mann ohne Gesicht.“
„Wann kommst du wieder?“, will Sheppard wissen, als Mc Connell sich erhebt und nach seinem Hut greift.
„Das ist schwer zu sagen.“
„Also, dann, good bye, Mc und noch eines: Bis 9 Uhr vormittags und abends nach 18 Uhr triffst du mich in der Regel zuhause.“

Kapitel 4

Ein riesiger Kristall-Lüster mit brennenden Kerzen verbreitet in Lamentiers großem Renaissancesalon eine warme Helligkeit. Germaine Crayot bezaubert wieder in einem Stilkleid aus zartblauem Taft-Faille mit fächerartigem Kragen und großer Blume. Zwei Platinbügel, die wechselnd Perlen und Brillanten in kunstvoller Fassung halten, stecken in Germaines vollem dunkelblonden Haar.
Lamentier empfängt noch einmal seine Freunde, ehe die Frühjahrssaison der Pariser Gesellschaft ihren Abschluss findet. Das Haus Lamentiers ist bekannt für kleine Gesellschaftsfeste und wer eine Einladung dazu erhält, schlägt sie bestimmt nicht aus.
Dazu hat wie immer Larue ein Essen zusammengestellt, das dem Ruf seiner vorzüglichen Küche alle Ehre antut. Die Speisenfolge ist gewürzt mit geschmackvoll ausgewählten, künstlerischen Darbietungen. So herrscht bald unter den Geladenen eine Atmosphäre heiteren und sorgenlosen Genusses. Der Abend schickt durch die offenen Fenster den ersten Geruch aus frühlingshafter Erde, der sich mit dem Duft der Zierblumen im Salon und dem Parfüm der Damen eint.
Ein Mann wie Lamentier, den vielleicht über kurz oder lang der eine oder andere der Anwesenden benötigt, darf es sich leisten, seine Freundin als ebenbürtige Hausfrau walten zu lassen. Zudem ist Germaine ausnehmend hübsch und charmant.
Charles Redrigue, der glatte und gewandte Deputierte, hat die Ehre, die Frau des Hauses zu Tisch zu führen. Germaine begegnet ihm heute mit besonderer Liebenswürdigkeit, denn Georges Lamentiers Plan, sich die Rosette der Ehrenlegion durch eine große Tat zu verdienen, hat ihren Beifall gefunden und nun will sie Redrigue für die Absicht ihres Freundes gewinnen. Das ist nicht einfach, denn sie kennt schon im vornherein die Einwände des Parlamentariers, der wenig Sinn für gewagte Unternehmungen besitzt. Aber vielleicht gerade darum dünkt es sie besonders reizvoll.
Unter den Gästen befinden sich diesmal auch einige Neulinge. Zum Beispiel Breuil, der manchen Gästen schon bekannt ist, denn er verkehrt viel in guten Häusern. Ein Unbekannter dagegen ist Bianco, der italienische Detektiv, der sich wohl etwas gezwungen bewegt, aber immerhin mit Anstand einen guten Frack trägt, während einer seiner Gehilfen mit dem leicht abgetragenen Abendanzug wie ein kleiner Statist aussieht.
Sheppard, gekleidet wie ein Durchschnittsengländer, schlicht und korrekt, sitzt neben seinem Freund Mc. Als Mc Connell in einem tadellos sitzenden Frack den Salon betreten hatte und Germaine begrüßte, war die Hausfrau überrascht gewesen. Sie hatte ihn vorher nur einmal flüchtig gesehen und ihn als sympathisch in Erinnerung behalten. Als er sich über ihre Hand beugte, um ihr ein herrliches Bukett ihrer Lieblingsblumen zu überreichen, staunte sie den stattlichen Mann mit den blauen Augen und den blonden Haaren an. Als er auf ihre Frage, woher er ihre Lieblingsblumen kenne, schlicht antwortete, dass dies eine einfache und durchaus angenehme Ermittlungsaufgabe für einen Mann seines Berufes sei, ließ sie noch schnell die Sitzordnung ändern, ehe sie zu Tisch bat.
Mc Connell ist alles andere als ein eitler Charmeur, aber schließlich verfolgt er einen ganz bestimmten Zweck, wenn er Germaine für sich zu interessieren sucht.
Geschickt steuert er das Tischgespräch auf seine Aufgabe hin, um dabei zu betonen, dass er am besten zu Arbeiten vermöge, wenn er völlig ungestört und unbeeinflusst bleibe. Er ist zu höflich und zu diplomatisch, sich dabei auf den gegenwärtigen Fall zu berufen. Er erläutert diese Erklärung an einem rasch konstruierten „früheren Fall“, bei dem die Störung durch einen Wohlmeinenden den Täter beinahe hätte entwischen lassen.
Mc Connell hofft dabei, dass Germaine sich ihm gefällig zeigen werde und Lamentier einen entsprechenden Wink geben würde. Dass Mc Connell restloses und blindes Vertrauen verdiene, bedurfte für Germaine keines Beweises. Denn Mc Connell überwand, wo er sich einmal zeigte, sofort alle Bedenken.
Also hat sich zwischen Redrigue, Mc Connell und Germaine eine angeregte Unterhaltung ergeben, die plötzlich eine Unterbrechung finden soll, als einer der zahlreichen livrierten Diener, die für diesen Abend engagiert wurden, hastig und mit allen Anzeichen der Erregung den Salon betritt.
Verstört eilt er auf den Hausherrn zu, flüstert ihm hastig einige Worte ins Ohr und übergibt ihm einen Brief.
Mit einem Ruck wendet sich Lamentier dem Diener zu. Das Gespräch verebbt unter den Gästen, die alle mit gespannten Mienen auf den Hausherrn blicken. Mc Connell beobachtet die Szene in einem der Wandspiegel.
Da spricht in die Stille hinein Georges Lamentier mit trockener Kehle:
„Der Mann ohne Gesicht hat mir eine Warnung geschickt.“
Einige Frauen schreien auf. Germaine verfärbt sich und wird leichenblass. Und auch manchen unter den Männern bereitet die Nachricht sichtliches Missbehagen, obgleich es sich keiner anmerken lassen will. Nun hält Breuil den Augenblick für gekommen, in Erscheinung zu treten. Mit einem bedeutsamen Winken seiner Brauen fordert er seine Kollegen auf, ins Nebenzimmer zu kommen.
Mc Connell reagiert nicht auf seine Aufforderung.
„Kollege Mc Connell, darf ich nicht einen Augenblick bitten?“
„Einer muss doch hier zum Schutze der Gesellschaft bleiben.“, hält der Detektiv mit einem ironisch scherzhaften Lächeln entgegen. „Und zudem glaube ich nicht, dass der Mann ohne Gesicht uns jetzt einen Besuch abstatten wird. Wenn er schon keinen Mund hat, was soll er dann mit den Genüssen dieser Tafel anfangen?“
Einige Herren unterstützen sein Bemühen, den ersten Schrecken zu scheuchen und versuchen auf seine Worte hin ein verzagtes Lachen.
Als wäre nichts geschehen, beginnt Mc Connell wieder mit Germaine zu plaudern und knüpft das Gespräch dort an, wo es vor der schreckhaften Botschaft abgerissen ist. Schon hat auch Germaine sich gefasst und läßt auf einen Scherz Mc Connells ein perlendes Lachen hören. Das bricht den Bann und als sich herumspricht, wer denn der unerschrockene Mensch sei, der von Germaine mit solcher Auszeichnung behandelt wird, beruhigen sich endlich auch die furchtsamsten Gemüter.
Indes berät sich Lamentier mit Breuil und Bianco samt ihren Begleitern. Das merkwürdige Dokument, das Moul hinterlassen hat, wird sorgfältig besehen und befühlt, aber da ist kein Fingerabdruck, kein Wasserzeichen im Papier, das ein Anhaltspunkt sein könnte. Auf einer Schreibmaschine ohne jeder Besonderheit ist der Drohbrief geschrieben worden. Das Dokument besagt gar nichts.
Der Diener der den Drohbrief überbrachte, wird herbeigerufen und der Portier verhört. Es stellt sich folgendes heraus: Der Türwächter hat gleich mit den ersten Gästen einen Herrn in Frackmantel und Zylinder eingelassen, weil er ihn für einen der geladenen Gäste gehalten hat. Der Portier weiß über die Person nichts anderes auszusagen, als dass sie einen großen schwarzen Bart gehabt und das Haus bestimmt nicht mehr durch die Portal-Haupttüre verlassen habe.
Der Diener dagegen berichtet, dass der Unbekannte ohne Bart, aber mit einem Visier plötzlich neben ihm in der Diele gestanden sei, einen Revolver vorgehalten und gefordert habe, den Brief Herrn Lamentier zu übergeben, sich aber nicht umzusehen, ehe er das Speisezimmer verlassen habe. Als er dem Unbekannten in das leere Speisezimmer neben dem Bankettsaal gefolgt sei, habe der Fremde ihn niedergeschlagen. Erst vor wenigen Minuten sei er aus der Betäubung erwacht.
Dieser Bericht bleibt nicht in dem kleinen Zimmer, in dem Lamentier sich mit den Detektiven berät. Der Diener erzählt das Gehörte dem anderen und bald wissen es auch die Gäste. So erfährt auch Mc Connell von dem Eindringen des geheimnisvollen Besuchers. Da schickt er seinen Freund Sheppard in den Garten, um ein wenig Umschau zu halten, denn er ist überzeugt, dass der Unbekannte nicht mehr im Hause sein könne.
Fast hat es den Anschein, als habe die Gesellschaft bereits den ungebetenen Gast vergessen. Man trinkt und plaudert, als sei nichts geschehen. Mc Connell beteiligt sich nicht an der allgemeinen Heiterkeit, die eine Folge des glücklich überstandenen Schreckens ist. Er lehnt sich gelassen in seinem Stuhl zurück und überlegt. Gleich einem Architekten entwirft er eine Gedankenbrücke und baut, wie er sich immer auszudrücken pflegt, an einer Idee. Diese Idee ist stets der Leitfaden seiner Maßnahmen gewesen. Nie arbeitete er aufs Geratewohl los, sonder erst dann, wenn er glaubte, den Weg erkannt zu haben, der zum Erfolg führen musste.Als Sheppard zurück kommt und Mc Connell mit einem raschen Blick zu verstehen gibt, dass er eine Kleinigkeit entdeckt hat, zwinkert ihm dieser zu. Da kehren auch die Herren von der Konferenz zurück und die Augen der Anwesenden richten sich voller Erwartung auf sie.
Lamentier räuspert sich:
„Meine Damen und Herren! Wir haben uns überzeugt, dass der geheimnisvolle Gast nicht mehr im Hause ist. Unser Garten und das Haus werden von der Surete seit einigen Minuten scharf bewacht. Es ist also kein Grund zur Beunruhigung gegeben.“
Bei diesen Worten schicken sich Redrigue und Mc Connell einen lustigen Blick zu. Beide denken daran, dass Georges Lamentier den Kampf gegen Moul, den „Mann ohne Gesicht“, doch aufgenommen hat, weil die Surete versagt.
Als Lamentier seine gewichtige Rede beendet hat, in der er dem „größten Verbrecher aller Zeiten“ mit viel Pathos die Vernichtung ankündigte, läßt sich Mc Connell durch einen Diener das merkwürdige Dokument bringen.

*
„Das ist ein schlechter Witz, Sheppard, oder für uns ein Fingerzeig.“, bricht Mc Connell das Schweigen, als er mit seinem Freund durch die nachtstille Rue Dauphine seiner Wohnung zustrebt. „Ich weiß wirklich nicht, ist der Täter so stockdumm oder so unverschämt frech.“
„Für welche der beiden Möglichkeiten würdest du die höhere Wette wagen?“
„Für die Letzte! Ich habe den Täter nicht für so dumm gehalten oder für so frech.“
„Wieso frech?“
„Der Kerl muss doch wissen“, stellt Mc Connell fest, „dass er mit diesem Ankündigungsschreiben seine Verfolger auf eine Spur bringen kann. Wenn er das trotzdem tut, so muss er sich entweder außerordentlich überlegen fühlen oder ziemlich beschränkt sein.“
„Ich glaube, du tust dem Manne unrecht.“, scherzt Sheppard, „Dieser Gentleman sieht sich in Form und schickt seinem Gegner eine Kriegserklärung.“
„Das ist natürlich auch eine Lösung der Frage.“, lacht Mc Connell zurück, denn er ist in guter Stimmung.
Nach einer Weile, als die beiden die Seine auf dem Pont Neuf überschreiten, hält Mc Connell unter einer Laterne und zieht aus seiner Tasche den Drohbrief an Lamentier und Sheppard meint sofort verwundert:
„Du hast ihn für dich behalten? Dein hoher Chef wird nun die ganze Nacht nach dem wichtigen Dokument suchen.“
„Er wird es morgen wieder bekommen mit dem Ausdruck des Bedauerns, dass ich es – meinetwegen in der Aufregung – eingesteckt habe.“
„Und warum hast du es überhaupt mitgenommen?“
„Weil ich mich mit ihm heute noch ein Weilchen beschäftigen will.“
„Mit Lamentier?“
„Nein, mit dem Dokument hier. Pass auf! Du weißt – aber laß uns weitergehen – du weißt, dass ich, wenn es sein muss, ein ganz geriebener Falschspieler bin. Gott, was würden wir Kriminalisten für gerissene Verbrecher abgeben, nachdem wir doch am besten wissen, worauf die Herren Kollegen ihr Augenmerk richten.“
„Du hast recht merkwürdige Gedanken um die Mitternachtsstunde.“
Sheppard wartet auf eine Erklärung seines Freundes. Er kann sich nicht recht vorstellen, was diese Andeutung von Falschspielerei mit dem Drohbrief zu tun haben soll.
Bis zur nächsten Querstraße gehen die beiden schweigend nebeneinander her. Als sie die Rue de Rivoli, die selbst um diese Stunde noch recht belebt ist, überquert haben, gibt Mc Connell seinem Freund einen ermunternden Rippenstoss.
„Alter Junge, du hast doch schon einmal etwas von gezinkten Spielkarten gehört?“
„Natürlich. Karten mit geheimen Zeichen.“
„Weißt du aber auch, dass es nicht nur Augenzinken, sondern auch Gefühlszinken gibt, die man buchstäblich mit den Fingerspitzen wahrnimmt?“
„Willst du mir eine Vorlesung halten, dann laß uns umkehren und zur Sorbonne gehen!“
Mc Connell lacht vor sich hin.
„Augenblick mal! Fahre erst einmal mit deinen Fingern an den Rändern dieses Briefbogens entlang, an dem jene Stümper nichts merkwürdiges finden konnten.“
Zögernd zieht Sheppard seine Handschuhe aus und tastet den Papierrand entlang.
„Wahrhaftig.“, murmelt er, „In einem kleinen Abstand lassen sich gleichartige Höcker wahrnehmen, aber ich kann sie bei der Straßenbeleuchtung nicht sehen.“
„Streng dich nicht an. Du wirst sie auch bei besserem Licht kaum entdecken!“
Sheppard blickt fragend den anderen an. Was will Mc Connell mit diesem Merkmal? Was sollte der Absender für einen Zweck verfolgen, indem er zwei Zeichen an dem Brief anbringt, die sowohl der Empfänger wie selbst Fachleute kaum bemerken konnten?
Der Detektiv läßt den Freund zappeln. Es ist eine seiner kleinen Schwächen, an denen er seine helle Freude haben kann. Er spannt neugierige Leute gerne auf die Folter. Auch als Sheppard jetzt gern näheres wissen will, meint Mc Connell lediglich, dass diese Zinkung zwar nicht absichtlich erfolgt sei, aber zum Verräter werden könne.
„Und da willst du wohl morgen bei der Gibba Papiervergleiche anstellen?“
„Das weiß ich noch nicht. Ich weiß auch nicht, ob die Sache überhaupt einen Sinn hat und zu einem Ziel führt. Aber stell dir vor, wie ich damit meinem Chef imponieren werde.“
„Deinem Chef imponieren? Von der Seite kenne ich dich gar nicht. Seit wann bist du eitel?“
Mc Connell klopft dem Freund herzhaft auf die Schulter und erwidert:
„Nur keine Angst! Ich bleibe der Alte. Aber ich werde doch die kleine hübsche Germaine...“
Sheppard pfeift kurz durch die Zähne, doch der Engländer ermahnt ihn freundlich:
„Ruhe! ...die kleine hübsche Germaine so weit haben, dass sie mich von der Neugier meines Chefs befreit. Sicher hat sie bereits mit Lamentier über den Detektiv Mc Connell gesprochen, der bei seinen Arbeiten keine Störung verträgt. Und dann morgen der erste sichtbare Erfolg mit diesen Papierzinken! Was glaubst du, wie mir das Ruhe verschaffen wird!“
„Ach so!“
Sheppard wirkt enttäuscht, aber der Kriminalist feixt still in sich hinein. Er verbirgt dem Freund seine Gedanken, die noch unausgegoren sind und die Pläne, deren Gelingen noch nicht abzusehen ist.
In der Rue Reaumur verabschiedet sich Sheppard von Mc Connell vor dessen Haus. Er hat noch eine Viertelstunde des Wegs in die Rue du Faubourg St. Denis.

*
Gegen Mittag des nächsten Tages läßt sich Mc Connell im Bankhaus Lamentiers melden. Bereits am Vormittag hat er die Fabrikmarke der Maschine ermittelt, auf der die Drohung Mouls geschrieben worden ist. Es war sehr leicht, an der Typenform das Fabrikat zu erkennen.
Lamentier hat gerade eine Besprechung. Solange muss sich der Detektivl im Vorzimmer gedulden. Dort sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen eine Stenotypistin, die sich in einen Roman vertieft hat und darum Mc Connell, den sie nicht kennt, als Störenfried ihrer Lektüre recht ungnädig empfängt. Sie war nur für die persönliche Korrespondenz ihres Chefs da und der hatte heute noch keine Zeit zum Diktat.
Da maßt sich doch dieser unbekannte Klient etwas in ihren Augen Unglaubliches an. Er setzt sich – das heißt, er will sich an eine der Schreibmaschinen setzen. Natürlich – so ärgert sich die Sekretärin – an die Neue, die noch gar nicht gekauft ist.
„Sie wünschen bitte?“ , klingt es sehr von oben herab.
„Seien Sie nicht so böse, Mademoiselle. Ich will Sie wirklich nicht stören und habe nur eine Kleinigkeit zu schreiben.“
Mc Connell beabsichtigt, durch eine Schriftprobe seinem Chef zu zeigen, dass man an Hand selbst geringfügiger Beschädigungen einer Schreibmaschine und ihrer Typen Schriftvergleiche anstellen und nicht selten beispielsweise den Schreiber eines anonymen Briefes ermitteln kann – sofern man erst die richtige Maschine entdeckt hat.
Und gerade in dem Drohbrief ist infolge irgend einer leichten Verbiegung des Typenhebels das „C“ zu nahe an das „H“ gerückt. Ein gutes Beispiel.
„Ich werde Ihnen schreiben, was Sie benötigen.“, zeigt sich die Sekretärin sehr kühl.
„Aber liebes Fräulein! Lassen Sie sich nicht ablenken! Ich möchte ja auch nicht in einer spannenden Lektüre unterbrochen werden. Außerdem habe ich nicht das Recht, dass ich Sie beruflich in Anspruch nehmen dürfte!“
„Dann schreiben Sie wenigstens hier auf unserer Maschine! Die andere ist nur zur Ansicht da.“
Ihre Worte hören sich schon freundlicher an.
Nach einem betont höflichen Dank setzt sich Mc Connell an das Maschinentischchen und spannt einen Bogen Papier in die Maschine. Er hat einige Zeilen geschrieben, als das Aufleuchten der roten und das gleichzeitige Erlöschen der blauen Lampe, ihn zu Lamentier ruft.
Der Detektiv gibt nun dem Finanzmann den Drohbrief zurück und bedauert sein Versehen.
Er erklärt Lamentier die unterscheidenden Feinheiten bei der Prüfung der Schriften und erläutert ihm anhand des Drohbriefes, dass beispielsweise an der Maschine des leselustigen Fräuleins das „C“ und das „H“ wie die Schriftprobe erweist, ordentlich auf ihren Plätzen stehen, dagegen das „E“ eine stark abgebrauchte Stelle haben müsse, weil an der rechten Ecke der Linienführung auf eine kleine Strecke unterbrochen sei.
Lamentier staunt über die Gründlichkeit seines Detektivs. Dabei bietet ihm Mc Connell nur ganz allgemeines Wissen und verschweigt die Hauptsache, nämlich die Zinkung des Drohbriefes. Denn gerade darauf will Mc Connell seine Weiterarbeit aufbauen. Soll womöglich die Konkurrenz durch Lamentiers Wichtigtuerei davon erfahren? Sie würde ihm höchstens die Suche erschweren.
Es ist beileibe kein Erfolgsneid – das hat Mc Connell nicht nötig. Vorsicht ist es lediglich, dass kein anderer das noch zu fein gesponnene Netz durch einen unüberlegten Schritt zerstört.
Als der Detektiv nach einer halben Stunde Lamentier verläßt, steckt der Brief wieder in seiner Tasche, ohne dass es der Finanzmann bemerkt hat.
Mc Connell besteigt an der Station St. Germain des Pres den Metro, die Pariser Untergrundbahn und fährt bis zur Gare de l’est, dem Ostbahnhof. Dann geht er ein Stück zurück, um in den Boulevard de Magenta zu gelangen, wo er sich in einer Seitenstraße der Rue de Vinaigriers aus ganz bestimmten Gründen ein Zimmer mietet.