Leseprobe "Nur ein Leben lang"
Leseprobe
Nur ein Leben lang
Ein Fantasy Roman aus der Feder von
Clint Leon Powers
KAPITEL 1
„Zu spät!“, denkt sich Manuel als er den kleinen blauen Transporter direkt vor sich auftauchen sieht und es geht ihm im Bruchteil einer Sekunde noch der Gedanke durch den Kopf, dass ihm diese Situation irgendwie bekannt vorkommt.
Er wird mit voller Wucht von dem Wagen erfasst und fliegt im hohen Bogen auf die andere Straßenseite, die er eben noch erreichen wollte. Das quietschen der bremsenden Reifen ist überdeutlich zu hören und noch bevor der Wagen zum stehen kommt, rutscht Manuels Körper leblos und völlig zerschmettert von einem geparkten Auto, auf dem er mit solcher Wucht aufprallte, dass sogar dessen Dach stark eingedrückt wurde und die Windschutzscheibe in Tausende von Stücken riss.
Jetzt laufen auch schon die ersten Passanten zu der Stelle, wo eben ein Menschenleben ausgelöscht wurde und eine junge Frau, die zwei Plastiktüten haltend etwa fünf Meter vor dem Toten steht, stößt vor Entsetzen einen gellend lauten Schrei aus.
„Das ist ja Manuel!“, ruft ein Mann mittleren Alters laut auf und tritt entschlossen auf die Leiche zu.
„Der arme Kerl hat jetzt für immer Feierabend!“, meint nun ein anderer Passant und schüttelt den Kopf.
Der Fahrer des Lieferwagens sitzt mit blassem Gesicht am Steuer und seine Hände umfassen das Lenkrad so fest, als wolle er dieses nie wieder loslassen.
Ein Streifenpolizist, der gerade zufällig in der Nähe des eben passierten Unfallortes seine Streife geht, eilt hastig auf den Toten zu, kniet sich zu ihm herab und nimmt mit versteinertem Gesichtsausdruck seine Dienstmütze vom Kopf.
„Oh Manuel!“, haucht dieser ergriffen und noch weitere Leute treten auf den Verunglückten zu, während ihm der Polizist mit einer Handbewegung die Augen schließt.
„Ich fasse es nicht!“, gibt der Beamte nun lauter aber sehr ernst zu Wort. „Sein Vater und mein Vater waren sehr gut miteinander befreundet und ich bin mit Manuel in die selbe Schule gegangen!“
„Werden Sie es seiner Frau mitteilen?“, fragt ein anderer der umstehenden Leute den Polizisten.
Der Angesprochene nickt leicht, erhebt sich, lässt seine Augen nicht von dem Toten und antwortet leise:
„Es ist meine Pflicht. Mir tun nur seine Frau und die beiden Kinder leid.“
All dies aber hört Manuel! Sein Geist schwebt über seinem toten Körper und er sieht das ganze Geschehen, dass sich unter ihm befindet. Schlagartig wird ihm klar, in welcher Situation er ist und er weiß nur zu gut, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis ihn die „höhere Macht“ in einen gleißend hellen Tunnel ziehen wird, an dessen Ende ihn dann die „Finsternis“ erwartet.
Die Finsternis, die „niedere Obrigkeit und Milliarden anderer Lebewesen, die dort mehr oder weniger gefangen sind. Alles geht nun wieder von vorne los. Und alles nur deswegen, weil er es wieder nicht geschafft hat, sein Ziel zu erreichen. Das Ziel zur nächsten Ebene des Daseins.
Manuel sieht immer noch auf das Geschehen unter ihm und hört so viele Stimmen auf einmal, wovon er jede Einzelne und auch deren Sinn ohne Probleme versteht. Er sieht den Polizisten, der einmal sein Schulfreund war und nun erblickt er auch schon den nahenden Leichenwagen auf den Unglücksort zukommen.
„Es ist das Jahr 2010!“, denkt sich Manuel. „Immer sterbe ich im selben Jahr. Immer am gleichen Tag zur selben Zeit. Warum kann ich das nicht verhindern? Warum nur?“
Ihn erfüllt keine Trauer. Nur Enttäuschung erfüllt ihn. Enttäuschung über sich, die Menschen und des Daseins. Und eine Frage beschäftigt ihn jetzt noch mehr denn je: Was ist eigentlich der Sinn des Lebens?
Jetzt beobachtet er, wie sein Körper in einen Zinksarg gelegt und dann in den Leichenwagen geschoben wird.
„Das ist ja alles so entsetzlich!“, hört es Manuel mehrfach von Leuten, die sichtlich betroffen auf das ganze Szenario des Unfalls blicken.
„Wenn ihr wüsstet!“, denkt sich Manuel dabei. „Das Ganze ist noch viel entsetzlicher. Das Ganze ist ein Einziger und abstruser Irrsinn.“
Der Leichenwagen setzt sich in Bewegung und Manuel begibt sich im Bruchteil einer Sekunde auf den Weg nach Hause. Er findet sich in seiner Wohnung neben seiner Frau Myriam wieder, die gerade in der Küche damit beschäftigt ist, das Mittagessen zuzubereiten.
„Was schaust du so Manuel?“, erklingt plötzlich eine Stimme neben ihm.
Es ist Solomon, der Tod und Manuel blickt fast schon wie beleidigt auf den Fragenden, der wie immer einen engen, schwarzen Anzug trägt und ihn mit einem mitleidigen Blick ansieht. Und gerade dieser Blick von Solomon ist es, der in ihm eine Wut entfachen will, aber er meint mir ruhiger Stimme:
„Das du es wagst, jetzt auch noch in meiner Wohnung zu erscheinen, du Knilch.“
Solomons Gesicht geht mit einem Grinsen in die Breite und er meint ebenso ruhig:
„Ich bin kein Knilch, Manuel. Ich bin der Tod. Und gerade habe ich dich geholt. Ich war wie immer pünktlich, denn du hast mal wieder nichts dazugelernt. Wie oft habe ich dich eigentlich schon geholt? Bestimmt schon über...“
„Genug.“, kontert Manuel. „Du ekelst mich an, du elende Nervensäge. Tauchst jedes Mal auf, wenn ich gerade meinen Löffel abgegeben habe.“
„Ich mache doch nur meinen Job.“
Es ist Manuel sehr wohl bewusst, dass er in seinem Zustand nicht fähig ist, sprachliche Emotionen zu zeigen. Aber es erfüllt ihn mit innerer Genugtuung, dass auch all die anderen „toten Seelen“ sich dieser überirdischen Pflicht zu beugen haben. Aber auch der Tod Solomon, von dessen Sorte es noch mehrere gibt, muss sich diesem himmlischen Gesetz beugen und kann nicht mit Hohn oder Spott seinem – wie er es nennt – „Patienten“ gegenübertreten. Dies aber vermögen jedoch große Dämonen und noch höher gestellte Wesen wie der Teufel Luzifer oder auch Schutzengel.
„Du...“, meint Manuel und hält kurz inne, da gerade seine Frau durch ihn hindurchgeht, um etwas auf den Küchentisch zu stellen. „Du machst gar nicht deinen Job. Wenn ich könnte, würde ich dich...“
Solomon grinst dreckig und unterbricht:
„Du kannst gar nichts. Du kannst nicht einmal dein Leben in den Griff bekommen.“
Solomons letztes Wort ist kaum ausgesprochen, da ist er auch schon wieder verschwunden.
„Gemeine Ratte.“, denkt sich Manuel, blickt auf Myriam und spürt auch schon das Unvermeidliche kommen.
„Es ist mal wieder soweit.“, meint dieser nun und blickt an die Decke der Küche.
Deutlich ist zu sehen, wie über ihm alles transparent zu werden scheint. Er sieht in die darüber liegende Wohnung, wo gerade ein älteres Ehepaar mit ihrem Enkel zu Mittag isst und schon kurz darauf sieht er schon in den strahlend blauen Himmel. Ein Blick auf seine Frau und schon spürt er auch das merkwürdige Ziehen in seinem Körper, der doch nicht vorhanden ist.
„Gleich wirst du erfahren...“, meint Manuel mit einem Blick auf seine Frau und findet es schade, dass er seiner Stimme nicht die gewünschte Wehmut verleihen kann. „...dass du Witwe bist. Wie immer. Ich kenne es schon gar nicht mehr anders.“
Am Himmel ist nun eine kleine schwarze Scheibe zu sehen, die langsam immer größer wird. Und jetzt, mitten in diesem schwarzen „Nichts“ ist nun auch eine viel kleinere, gleißendhelle Scheibe erkennbar. Das Gebilde wird immer größer und hat jetzt eben das doppelte Volumen der Sonne erreicht. Manuel breitet seine Arme aus, blickt in den gleißenden Tunnel, sagt „Ich bin bereit“ und schließt die Augen.
Das Ziehen wird plötzlich zu einem gigantischen Reißen und von einem Moment zum anderen verwandelt er sich in einen sehr grellen Fußballgroßen Fleck und wird schlagartig in die Höhe gezogen. Jetzt öffnet Manuel wieder seine Augen, sieht das Haus unter sich immer kleiner werden und steigt unaufhörlich höher gen Himmel, genau auf den hellen Tunnel zu. Wie beim Start einer Rakete wird nun die Landschaft unter ihm immer kleiner und man kann über die Weite des Landes sehen. Auch werden jetzt andere helle Flecken erkennbar, die genauso wie Manuels Licht in Richtung Himmel gesogen werden. Mit zunehmender Höhe werden diese Lichter immer zahlreicher und man könnte den Eindruck haben, als sterben auf der Erde die Menschen in Massen. Es sind schon Hunderte von diesen Lichtern zu sehen, die alle nur ein Ziel haben: Den hellen Tunnel, der mitten in der schwarzen Scheibe am Himmel ist und der die Geister der Verstorbenen einsaugt wie ein schwarzes Loch, um diese dann in Sekundenschnelle an ihren Bestimmungsort zu geleiten.
Manuel, der diese Situation schon mehrmals erlebt hat, denkt gerade daran, ob er noch einmal die Chance haben wird, um sich zu bewähren. Es gibt ja in der Finsternis viele Seelen, denen dies mit gutem Grund verweigert wird und auch nie die Möglichkeit dazu bekommen werden.
Genau in diesem Moment wird er und auch viele andere in den hellen Tunnel gezogen, der nur aus Licht zu bestehen scheint. Das Ziehen und Zerren an seiner körperlosen Hülle verschwindet und ihm ist, als würde er mit vielfacher Lichtgeschwindigkeit durch den Tunnel rasen. Diese Stille, diese totale Stille und die Geschwindigkeit, die in diesem Tunnel herrschen, sind nicht von irdischer Kraft. Dass hier jemand Höherer seine Finger im Spiel hat, hat jeder, der schon durch den Tunnel ging, beim ersten Mal ganz genau verstanden. Es ist göttlichen Ursprungs und soweit Manuel weiß, hält Gott nur zu den Wesen, die zumindest in die Klasse der Erzengel gehören, persönlichen und direkten Kontakt. Nicht einmal die „niedere Obrigkeit“ soll bis jetzt mit dem allerhöchsten Wesen in direktem Kontakt gewesen sein.
Mit einem Mal ist die „Reise“ durch den Tunnel beendet und es wird um Manuel und den anderen Wesen ruckartig dunkel. So dunkel, dass sich kein Irdischer einen Begriff davon zu machen vermöchte. Für Manuel, der auch nicht mehr über den nötigen Zeitbegriff verfügt, kommt es vor, als hätte der Trip von der Erde durch den Tunnel in die Finsternis nur wenige Sekunden gedauert. Dabei war es in Wirklichkeit nicht einmal eine einzige Sekunde, sondern nur der Augenblick des Moments.
Hier unterscheidet niemand mehr zwischen oben und unten, zwischen links und rechts, oder gar zwischen vorne und hinten. Dies ist hier eine Dimension der Unendlichkeit. Unendlich im Raum und der Dunkelheit. Hier regiert die „niedere Obrigkeit“ und ist dabei überall und nirgends. Und seine Stimme gibt den Eindruck, als würde diese sogar bis über die Unendlichkeit hinaus zu hören sein.Da die Zeit in dieser Dimension fast gar keine Rolle spielt, kann sich die „niedere Obrigkeit“ mit unvorstellbarer und eindrucksvoller Geschwindigkeit mit vielen körperlosen Wesen gleichzeitig unterhalten. Auch Manuel hört schon dessen Stimme, die an diesem Ort ohne Unterbrechung zu hören ist.
„Hallo Manuel.“, ruft die „niedere Obrigkeit“, dessen Anwesenheit sehr deutlich zu spüren, aber er selbst als Einziger hier nicht zu erkennen ist.
Manuel hat dabei ein Gefühl, welches ein Normalsterblicher so bezeichnen würde: „Mir dreht es den Magen um.“
„Willkommen in der Finsternis, Manuel.“, klingt wieder die Stimme laut auf. „Willkommen bei mir.“
„Du mich auch.“, gibt Manuel zu verstehen.
„Wie geht es dir?“
„Ich bin doch gerade wieder gestorben. Wieso fragst du?“
„Ich mache mir Sorgen um dich.“
„Ich mir nicht mehr.“
„Du hast wieder versagt, Manuel.“
„Das ist nichts Neues.“
„Du wirst schon bald deine neue Chance bekommen. Es ist deine 18. Möglichkeit, dich zu bewähren.“
„Dann sterbe ich halt noch einmal.“
„Denke positiv.“
„Habe keine rechte Lust mehr.“
„Du kannst dich ändern. Nur du kannst es. Und ich bin sicher, dass du es einmal schaffen wirst. Gib dich nicht auf. Es erwartet dich dann nicht mehr die nächste Ebene des Daseins, sondern etwas viel besseres. Das Endziel.“
Manuel ist erstaunt. Das Endziel? Dieses Wort hat er hier noch nie gehört, geschweige, etwas über deren Existenz erfahren. Neugierig geworden drängt es ihn jetzt, mehr über dieses Endziel zu erfahren und er fragt:
„Was ist denn das Endziel?“
Keine Antwort. Statt dessen hört er die Stimme nun zu einem anderen sagen:
„Und du, Lee Harvey Oswald, gehst auch schon bald in deine Zeit zurück. Bessere dich und töte nicht wieder den amerikanischen Präsidenten Kennedy. Dass du es schaffen kannst, weiß ich. Finde deinen Weg.“
„Und wie oft soll ich es noch probieren?“, hört man den Attentäter fragen, der doch tatsächlich in den Anfängen der 1960er Jahre John F. Kennedy erschoss und kurze Zeit später von jemand anderem in Selbstjustiz getötet wurde.
„Es wird schon...“, kommt nun die Antwort. „...bald keine Chancen mehr geben, um euer aller Leben in die rechte Bahn lenken zu können. Der Tag des jüngsten Gerichts kommt unaufhaltsam näher und das Endziel werden nur wenige von euch erreichen. Eure Chancen gehen zu Ende.“
Ein milliardenfaches staunendes „Oh“ ist zu hören und doch haben nicht alle Stimmen zusammengenommen die Intensität, wie die von der niedrigen Obrigkeit.
„Und wie viel Zeit bleibt uns noch?“
Diese Frage kommt zigfach und gleichzeitig. Man möchte vermuten, dass nun ein Echo von ungewohntem Ausmaß durch diese Dimension kommen sollte, aber es ist nicht so.
„Zeit spielt hier...“, antwortet die Stimme. „überhaupt keine Rolle. Nicht die Geringste. Aber schon bald werde ich euch verraten, was es mit dem Endziel auf sich hat. Welten gibt es mehrere und auch ich bin nicht der Einzige, dem so eine Dimension wie diese hier anvertraut wurde. Anvertraut von Gott und seinen Engeln. Die Zeit wird kommen, wo auch Luzifer und seine Schergen der Vernichtung übergeben wird. Luzifer hat nicht mehr viel Zeit und das weiß er auch. Darum will er auch so viele wie nur möglich von euch mit in das Verderben nehmen. Ihr alle habt aber die Chance, dass er euch nicht bekommen wird. Ihr alle. Nur die unter euch, die als Selbstmörder aus dem Leben geschieden sind, bekommen keine Chance auf eine Wiedergeburt und werden dem Teufel übergeben, um mit ihm aus dem Universum entfernt zu werden. Dann ist Gottes Werk nach vieler Zeit endlich vollendet.“
Die „niedere Obrigkeit“ redet beinahe schier endlos auf die Anwesenden ein und mahnt dabei milliardenfach an die Wichtigkeit jedes Einzelnen, dass auch jeder sein Leben in den Griff bekommen möge. Manuel ist inzwischen klar geworden, dass er hier bestimmt keine Information über das Endziel bekommen wird. Wenigstens noch nicht.
„Das Endziel naht.“, beginnt die niedere Obrigkeit erneut. „Bald ist es mit dem irdischen Sterben vorbei. Dafür beginnt dann unter den gefallenen Engeln ein Sterben von unvorstellbarem Ausmaß. Aber auch unter euch werden sehr viele dabei sein, die ihre Chancen vertan haben.“
Manuel überlegt, ob denn etwa das Paradies mit dem Endziel zu tun haben könnte. Verschiedene Religionen auf der Erde lehren ja doch von einem Paradies nach dem Tod.
„Ihr braucht gar nicht weiter zu überlegen.“, ruft die Stimme laut auf, als könne Dieser die Gedanken aller hier anwesenden Seelen erkennen.
Und schon werden alle darüber informiert, wie es nun mit ihnen weitergehen soll. Das Ganze geschieht mit so einer Schnelligkeit, dass kein Sterblicher dem tosenden und auch ununterbrochenem Informationsfluss in irgendeiner Weise folgen könnte. Viele Seelen werden nun darauf vorbereitet, in ihren verschiedenen Zeiten wiedergeboren zu werden. Und immer wieder werden dabei Personen oder Namen genannt, die in der Geschichte der Menschheit größere, aber auch kleinere Rollen gespielt haben. Napoleon solle sein kriegerisches Gebaren ablegen. Der Kapitän eines Flugzeuges solle dem Alkohol abschwören und Christoph Kolumbus soll nie wieder behaupten, er habe Amerika entdeckt. Der chinesische Kaiser Ming möge nicht nur Weise herrschen, sondern er soll auch mit der Gestaltung seines Grabmahls nicht so schamlos übertreiben. Pharao Ramses möge sich nicht als eine Gottheit verehren lassen, da dies nicht nur unangebracht ist, sondern es ist auch eine blanke Blasphemie. Ein Maya-König bekommt den Hinweis, kein unnötiges Blutvergießen bei seinen Sklaven und Untergebenen anzurichten. Hitler, der nicht wie geglaubt Selbstmord beging, sondern von einem hohen SS-Beamten erschossen wurde, wird auferlegt, besser den Beruf eines Buchbinders zu erlernen, statt auf Erden den großen Machthaber zu markieren. Mao Tse Tung wird klar gemacht, dass auch Intellektuelle ein Recht auf Leben haben. Fidel Castro wird darauf hingewiesen, dass er nicht das Recht habe, eine ganze Nation vom Rest der Welt abzuschotten. Che Guevara solle sich andere Freunde suchen, die sein gutmütiges Gemüt nicht ausnutzen und ihn dann noch zum Morden überreden. König Ludwig von Bayern solle sich nicht wieder zum „Märchenkönig“ und hirnlosem Gespinst aufspielen, denn er sei auf der Erde auch nur ein Mensch. Jack the Ripper erfährt, wenn er noch einmal mordet, kommt er nach seinem Tode nicht mehr in das Reich der Finsternis, sondern auf direktem Weg in den Ort der Verdammnis. Auch Saddam Hussein, der sich wiederholt im Irak zum verrückten Diktator kürte, solle sich als Politiker mehr um die Menschen in seinem Land sorgen, anstatt sich Tag und Nacht Gedanken über die weitere Minimierung der Schiiten und Kurden zu machen und sonst nur noch um sein leibliches Wohl besorgt zu sein. Er will doch sicher nicht wieder von den Amerikanern gefangengenommen werden, um dann wieder unter Hohn und Spott gehängt zu werden.
Es sind sehr viele, denen hier die niedere Obrigkeit gute Ratschläge auf dem Weg zur neuen Chance gibt und die alle hier zu nennen, würde die Enzyklopädie Brittannica um ein vielfaches sprengen.
Manuel hört wie alle anderen interessiert der niederen Obrigkeit zu und stellt fest, dass es diesmal wirklich sehr Ernst sein muss. Zeit spielt ja hier sowieso fast keine Rolle. Aber eben nur fast. Wie oft, so fragt sich Manuel, wird er noch die Möglichkeit bekommen, um sich zu bewähren? Hier in der Finsternis ist allgemein bekannt, dass ein Tag für Gott so lange dauert, wie auf der Erde 1000 Jahre. Zeit ist also nicht nur ein dehnbarer Begriff auf der Erde. Auch hier. Die Zeit ist eine Dimension, die der Mensch mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nie begreifen wird.
Jetzt richtet sich die Stimme der niederen Obrigkeit gerade an den Schiffskapitän des Luxusliners Titanic. Manuel unterhält sich inzwischen mit dem Teil seiner verstorbenen Verwandtschaft, die auch gerade hier ist und man bedauert den Umstand, dass man sich auf Erden nicht mehr über den Aufenthalt in der Finsternis erinnern kann. Auch sein Vater ist gerade hier, der im Alter von 73 Jahren an Krebs gestorben ist. Etwa ein irdisches Jahr, bevor Manuel selbst zu Tode kam. Man kommt wiederholt darüber überein, dass man sich hier in der Finsternis zwar auf seine vergangenen Leben und deren Fehler die man gemacht hat, erinnern kann, aber auf der Erde selbst nichts mehr davon weiß.
Zum ersten Mal wird nun bekannt, dass der Imperator Nero aus dem alten Rom, der nicht wie viele Menschen glauben, sich selbst das Leben nahm, diesmal seine 173. Chance bekommt und den Hinweis erhält, er solle sich endlich im alten Rom bessern.
„Keine unschuldigen Menschen...“, erklingt die Stimme. „sollst du töten lassen und keine Blutbäder mehr im Kolosseum veranstalten. Auch, dass du noch immer Rom anzündest, ist verwerflich. Halte dich an diese wenigen Dinge und du veränderst die Geschichte. Du hast schon bald keine Chance mehr, Nero.“
„Ist mir doch egal.“, reagiert Nero. „Ich habe es satt, immer wieder den gleichen Mist von dir zu hören. Auf Erden wurde ich wie eine Gottheit verehrt, doch hier bin ich nur ein Spielball von dir. Du schickst mich immer in die gleiche Zeit. Zum Kotzen ist das. Schick mich doch mal in das 30. Jahrhundert. Ich will wissen, was da so los ist. Vielleicht kann ich mich auf eine andere Weise ändern.“
„Du bist selbst hier so stur wie auf Erden, Nero.“
„Ich wollte, ich wäre nie geboren.“
„Bist du aber.“
„Das ist alles nur eine Farce.“
„Stimmt nicht Nero. Das Leben ist eine Realität.“
„Es fragt sich nur: Wie. Das ist kein Leben, sondern ein Theater, bei dem Gott die Fäden zieht.“
Kaum hat Nero das letzte Wort gesprochen, geht so etwas wie ein unglaubliches Beben durch die ganze Dimension der Finsternis, welches nur kurz, aber äußerst heftig ist.
„Du erzürnst Gott.“, stellt die Stimme fest.
Nero schweigt. Weiß er doch wie jeder andere hier auch, dass Gott, wenn er wegen jemanden die Finsternis erbeben lässt, nach dem dritten Mal in den Ort der Verdammnis geschickt wird. Bei Nero war dies jetzt das zweite Mal.
„Jetzt bist du aber ruhig, Nero.“, dröhnt die Stimme laut.
Nero bleibt tatsächlich ruhig und wagt kein weiteres Wort.
Nun aber wendet sich die Stimme an mehrere zehntausend Wesen und verkündet.„Es ist soweit. Wie immer, werden auch Totgeborene nun ihre Reise auf die Erde machen, um in ihrer Zeit wiedergeboren zu werden. Ich wünsche euch allen viel Glück. Vor allem aber lernt Eines auf der Erde: Nur wer offenen Herzens ist, wird sein Ziel erreichen. Und hütet euch vor Gotteslästerung.“
Manuel ist schon mit seinen Gedanken ganz weit weg. Er weiß, dass es gleich los geht. Der Kreis des Lebens scheint für ihn unendlich. Und doch hat er hier nun erfahren, dass die Wiedergeburten und neuen Chancen doch ein Ende haben werden. Er denkt an seine Kindheit, die nicht gerade einfach war und er vom Schicksal immer wieder stark gezeichnet wurde. Im zarten Alter von 2 Jahren, als seine Eltern gerade mit einem Umzug beschäftigt waren, fiel er mit dem Hinterkopf in eine Bratpfanne mit spritzend heißem Fett. Dieses Erlebnis hat Manuel nun schon 17 Mal am Stück erlebt und es graut ihm vor dem Gedanken, dass er schon sehr bald wieder dieses äußerst schmerzhafte Erlebnis haben soll. Er erinnert sich ganz genau an seine Schreie der Angst und des Schmerzes bei diesem extrem grausamen Unfall. Diese Sache war für ihn so einprägsam, dass dies der einzige Punkt in seinem Leben war, um sich an sein Alter von 2 Jahren zu erinnern. Und jetzt soll alles wieder von vorne anfangen? Genauso wie die anderen Unfälle? Es scheint so, dass er durch dieses Trauma durch muss, egal, ob er will oder nicht. Aber über Eines kann er sich nun zum Glück sicher sein: Das sinnlose Quälen und die zum Teil grausigen Schicksalsschläge der Menschen werden bald enden und nicht ein ewiger Kreislauf im „geordnetem System“ Gottes sein.
Es erscheint jetzt ein sehr breiter Ring aus grellem Licht, der zwar hier niemanden blenden kann und das Ausmaß desselben zieht sich, so komisch es auch klingen mag, genau durch die Hälfte der Dimension der Finsternis. Ein Mensch der sich im Weltraum befindet, würde sagen: „Der Ring zieht sich von oben nach unten, von links nach rechts und sein Rand scheint bis an das Ende des Alls zu reichen.“
Mitten in dieser Flut der Helligkeit wird eine viel kleinere schwarze Scheibe sichtbar und als Mensch würde man sagen: „Ich sehe diese Scheibe links und rechts von dem Lichtring.“
Millionen von kleinen Lichtern werden plötzlich sichtbar. Sie werden in die schwarze Scheibe mit unvorstellbarer Geschwindigkeit hineingezogen, wobei jedes einzelne Licht nicht nur ein Wesen darstellt, sondern auch so etwas wie einen hauchdünnen Lichtschweif hinter sich herzieht.
Auch Manuel ist als ein solches Licht unterwegs in das Zentrum der Schwärze. Es umgibt ihn nur Dunkelheit und das bekannte Ziehen und Zerren, dass er von dem Weg von der Erde zur Finsternis her kennt. Nur dass da alles in gleißendem Licht erstrahlt, aber ihn nun die totale Finsternis einzusaugen scheint.
Die Reise zur Wiedergeburt dauert nur einen Augenblick und schon wird es um Manuel hell. Sehr hell sogar und er hört eine Stimme, ohne deren Worte deuten zu können:
„Pressen! Pressen! Ja, das Baby kommt. Gut so. Noch mal pressen! Ja, endlich. Es ist da. Es ist... Es ist ein Junge.“
Plötzlich spürt er einen Klatscher auf seinem Po, seine Lungen füllen sich mit Luft und er beginnt zu schreien.
Manuel ist geboren.
KAPITEL 2
Die Erde. Es ist das Jahr 1959 im August. Manuel hat vor zehn Tagen das Licht der Welt erblickt und alles um ihn herum erscheint ihm fremd und ungewohnt. Er kennt bis jetzt nur Licht, Dunkelheit, ein immer wieder kommendes Gefühl im Bauch, welches der Hunger ist und die ihm schon etwas vertaute Stimme seiner Mutter, die sich liebevoll um ihn kümmert. Sein Vater kommt meistens erst spät nach Hause, da er eine anspruchsvolle Tätigkeit hat und als Diamantschleifer einen eigenen Betrieb führt. Seine Stimme ist für Manuel noch ungewohnt, aber er hat keine Angst, wenn ihn sein Vater mal in den Armen wiegt.
Mit der Zeit aber bekommt Manuel noch eine Schwester mit dem Namen Manuela. Diese Namensgebung war von seinen Eltern beabsichtigt und solle auch gesellschaftlich ein wenig auffallen, da solche „Zufälle“ doch nicht so oft vorkommen.
Nun aber, im Jahre 1961 möchten Manuels Eltern vom Lande in die nächste größere Stadt umziehen, wo beabsichtigt ist, den Familienbetrieb dank guter Konjunktur zu vergrößern. Manuel kann schon ein paar Worte, wie Papa, Mama, Ela, was wohl Manuela bedeuten soll und auch Hunger und Durst sagen.
Die Familie scheint geradezu wie perfekt organisiert zu sein und so bereitet sein Vater alles Nötige für den bevorstehenden Umzug nach Freyung, in Niederbayern vor. Möbelpacker erleichtern dabei das nicht ganz so leichte Unterfangen reibungslos über die Bühne zu bringen und an nur einem Tag ist auch schon der Transport abgeschlossen.
In der neuen Wohnung, die nicht nur viel größer ist als die vorherige und sich im ersten Stock eines nüchtern gebautem 6-Familienhauses befindet, ist der Vater gerade mit dem Aufbau der Möbel im Wohnzimmer beschäftigt, während die Mutter in der Küche gerade etwas zum Essen machen möchte. Da der Herd noch nicht angeschlossen ist, wurde auf dem Boden ein kleiner Zweiplattenherd vorbereitet, wo die Pfanne mit spritzend heißem Fett schon auf die Schnitzel der Hausfrau wartet.
Manuel, der schon laufen kann, blickt gerade auf seine kleine Schwester, die schlafend in ihrem Bettchen liegt und bemerkt wieder dieses ungute Gefühl in seinem Bauch, das immer wieder zu kommen vermag. Er hat Hunger. Seine Finger lösen sich von den hölzernen Gitterstäben des Bettchens seiner Schwester und er macht sich eilig auf die Suche nach seiner Mutter.
Aus dem Wohnzimmer sind deutlich die Geräusche zu hören, die der Vater beim Aufbau der Möbel verursacht und der Sohn wirft einen Blick hinein.
„Mama.“, ruft er und sieht nur seinen Vater darin.
Hinter Manuel ist die Türe der Küche und es dringt etwas Musik von einem Radio aus diesem Raum.
Er dreht sich um, sieht seine Mutter in der Küche stehen, die gerade die Schnitzel klopft und er ruft erneut:
„Mama.“
„Gleich Manuel.“, erwidert die Mutter geduldig und sieht kurz mit einem freundlichen Lächeln auf ihren Sohn.
Manuel ist jetzt sehr aufgeregt darüber, die Mutter gefunden zu haben. Seine Augen leuchten voller Freude und er läuft, so schnell ihn seine Beine tragen, in die Küche auf seine Mutter zu und ruft freudig:
„Mama. Mama. Hunger.“
Die Mutter ist so sehr beschäftigt, dass sie gar nicht merkt, mit welcher Geschwindigkeit ihr Sohn zu ihr angelaufen kommt.
„Mama. Mama.“, wiederholt sich Manuel begeistert, breitet seine Ärmchen aus, um sich bei der Mutter ans Bein zu klammern.
Sein Schwung ist entschieden zu groß und er stolpert über das linke Bein der Mutter. Der kleine Körper dreht sich dabei um die eigene Achse und er fällt rücklings um. Zu allem Unglück fällt der Junge dabei mit dem Hinterkopf mitten in das heiße Fett der Bratpfanne und schon ist von ihm ein gellender Schrei zu hören, der bestimmt im ganzen Haus zu hören ist.
Schon mischt sich ein zweiter gellender Schrei in das Schmerzgebrüll des Kindes. Die Mutter sieht entsetzt und schreiend auf das Unglück, wobei sie wie im Reflex den Fleischklopfer fallen lässt, der nun polternd auf den mit hellen Fliesen ausgelegten Boden fällt.
Ein zweifaches Geschrei... und man möchte glauben, beide Personen üben sich darin in Konkurrenz. Der Vater eilt herbei, sieht fassungslos, wie die Mutter den Sohn vom Boden nimmt und stößt ein entsetztes „Allmächtiger“ aus. Manuels kleine Schwester erwacht von dem Geschrei und weint jetzt laut auf.
Der Vater ist so sehr geschockt, dass er kein Wort sagt und den schreienden Sohn aus den Armen der Mutter nimmt, die ihn mit tränennassen Augen ansieht.
„Wie konnte das nur geschehen?“, heult die Mutter laut.
Der Vater trägt Manuel in das Wohnzimmer, legt ihn auf die zum Glück freie Couch und meint etwas erregt zur schluchzenden Hausfrau, die ihm gefolgt ist:
„Gehe zum Nachbarn. Die haben ein Telefon. Rufe den Krankenwagen herbei. Beeil dich.“
Die Mutter wischt sich die Hände an der Schürze ab, nickt und macht sich schnell auf den Weg.
Zum Glück hat die kleine Kreisstadt Freyung ein eigenes Krankenhaus und auch zwei Krankenwagen stehen für die rund 8000 Einwohner immer bereit.
Der immer noch schreiende und sich vor Schmerzen windende Manuel wird kurz darauf in das Krankenhaus gebracht, wo er die nächsten Tage verbringen wird. Dabei teilen die Ärzte den Eltern mit, dass ihr Sohn auf keinen Fall lebensgefährlich verletzt wurde, aber er wird einen bleibenden Schaden für den Rest seines Lebens haben. Ein großer Teil vom Hinterkopf ihres kleinen Sohnes ist so stark verbrannt, dass dabei dessen Haarwurzeln zerstört worden sind. Man könne aber, wenn die Medizin so weit ist, ihm bestimmt mit einer Haartransplantation helfen. Die Eltern sind sofort der Meinung, dass dies Manuel, wenn er alt genug ist, selbst entscheiden soll.
Ein paar Tage später wird Manuel aus dem Krankenhaus entlassen und wird von seiner Mutter mit einem dicken Kopfverband abgeholt. Obwohl seine Mutter ihren Sohn im Krankenhaus mehrmals täglich besucht hat, rief Manuel immer wieder nach ihr, wurde aber von den Schwestern des Krankenhauses liebevoll umsorgt und getröstet. Jetzt aber, wo er wieder Zuhause ist, freut er sich so sehr darüber, wieder die Eltern und seine kleine Schwester um sich zu haben, dass er sogar seinen Wundschmerz am Hinterkopf zu vergessen scheint.
Seine Wunde heilt im Laufe der nächsten Wochen sehr schön zu und es erinnert nur noch eine glatte, kahle Stelle an den schrecklichen Unfall in der Küche.
Mit vier Jahren kommt Manuel in den Kindergarten, der in nur gut fünf Minuten zu Fuß erreichbar ist und fühlt sich unter den vielen kleinen Kindern sichtlich wohl. Er trägt seine dunkelbraunen glatten Haare etwas länger, damit dadurch das Brandmal am Hinterkopf verdeckt wird und somit auch nicht im geringsten sichtbar ist.
Manuela ist jetzt auch schon vier Jahre alt als ihr Bruder eingeschult wird. Was für ein schöner Tag für die Familie. Es herrschte viel Trubel und der Fotograf, der von jedem einzelnen Kind ein Erinnerungsfoto von der Einschulung machen sollte, war mit Sicherheit erleichtert als dieses Procedere dem Ende zuging. Die Kinder in der Schule machten dabei einen Lärm vor Freude, was ihnen aber schon bald durch einige strenge Lehrkräfte abgewöhnt werden sollte. Aber am meisten freute sich Manuel dann doch über seine Schultüte, die mit allerlei Schokolade und anderen Süßigkeiten gefüllt war.Die Jahre verrinnen nun mal für ein Kind nicht so schnell, wie bei Erwachsenen. Manuel hat fast schon die fünfte Klasse auf der Volksschule hinter sich, als er mit einem seiner Schulfreunde kurz vor Unterrichtsbeginn noch schnell „Fang mich doch“ spielen will. Dabei wird kurz ausgezählt, wer wen zu fangen hat und es ist Manuel, der hinter dem anderen Jungen herlaufen muss. Schnell huscht sein Klassenkamerad aus dem Raum in den breiten Flur. Manuel läuft sofort geschwind hinterher und der Weg führt Beide geradewegs zur Treppe am Ende des Flures. Manuel ist etwa zehn Meter hinter dem anderen, als dieser schon die Treppe erreicht und wieselflink die Stufen hinuntereilt.
„Ich bekomme dich schon noch!“, ruft Manuel dem anderen hinterher und legt noch an Tempo zu.
„Du doch nicht!“, ruft sein Schulfreund überzeugt und hat schon den zweiten Teil der Treppe erreicht, der im Parterre der Schule endet.
Manuels Wille, seinem Klassenkamerad das Gegenteil zu beweisen, ist enorm. Im Laufen entscheidet er sich noch schneller zu werden, indem er nicht die Treppe hinabläuft, sondern – was er schon öfter getan hat – mit seinem Körper das Treppengeländer hinabzurutschen.
Gedacht, getan. Doch sein Schwung auf das Geländer ist doch zu schnell. Er verliert das Gleichgewicht, kippt im Rutschen nach vorne, verliert jeden Halt und stürzt zwischen den Treppengeländern hinab in die Tiefe. Alles dreht sich um ihn und er hat plötzlich diese Ahnung, die ihm sagt: „Das kommt mir irgendwie bekannt vor.“
Mit dem Kopf prellt sich der Junge im Fallen weiter unten am Geländer und fällt weiter in die Tiefe. Er fällt insgesamt von der ersten Etage bis in das erste Untergeschoss und schlägt dort mit dem Kopf voraus auf. Kein Wort ist auch nur von irgendjemandem zu hören. Es ist totenstill, aber Manuel ist bei vollem Bewusstsein. Sein Kopf ist im Scheitelknochen gespalten und er spürt überhaupt keine Schmerzen. Er merkt zwar, dass er sehen kann, aber er kann sich nicht bewegen. Alles scheint wie eingefroren zu sein. Die Zeit, das was er sieht und auch sein Körper erscheinen ihm wie plötzlich angehalten. Er blickt direkt auf den Hohlraum unter der letzten Treppe, wo er nur die helle Wand von dem grauen Marmorboden unterscheiden kann. Dieses Bild formt sich zusehends Grau in Grau und wird plötzlich sehr hell. Eine kleine Gestalt, die immer größer zu werden scheint, ist nun zu erkennen und der schwerverletzte Junge hört eine gütige Stimme, die von einer unnatürlichen männlichen Klarheit ist:
„Manuel... Manuel...“
Manuel kann kein Wort reden, doch sieht er die helle Gestalt in dem noch helleren Licht nun deutlich vor sich. Das Gesicht dieses fremden Wesens drückt Vertauen, Liebe, Geborgenheit und eine unergründliche Klarheit aus.
„Manuel.“, ruft wieder diese Erscheinung, doch der Gerufene sieht wie gebannt auf ihn, unfähig, sich auf irgendeiner Weise bemerkbar zu machen.
„Es ist noch nicht soweit, Manuel.“, ist nun zu hören. „Du bist auserwählt, mit mir in ein Reich zu kommen, wo Frieden herrscht. Eine Neue Welt ist geschaffen und du sollst Einer von vielen sein, die dort in Frieden leben können. Es wird schon bald soweit sein, Manuel. Wähle dein Handeln und auch deine Worte mit bedacht und ich werde dich in das Endziel geleiten. Ich werde meine schützende Hand über dich halten, aber du sollst auch das Deinige dazutun.“
Manuel versteht den Sinn dieser Worte nicht so sehr, aber plötzlich hört er seine eigene Stimme sagen, ohne dass sich seine Lippen bewegen:
„Aber wer bist du denn?“
Das freundliche Gesicht seines Gegenübers gewinnt ein noch gütigeres Lächeln und dieser antwortet:
„Ich bin Michael. Der Erzengel Michael. Vergiss das bitte nie. Ich werde bei dir sein, wenn du mich brauchst.“
Wie gebannt blickt der Junge auf den Erzengel, der ihn mit einer nie da gewesenen Gütigkeit ansieht. Michaels Arm streckt sich nach Manuel und seine Hand bewegt sich leicht über dessen Kopf. Und dies kann Manuel spüren. Es ist ein Gefühl der innersten Geborgenheit, die diese Bewegung in ihm hervorruft, doch plötzlich wird das Bild Michaels undeutlich und alles verdunkelt sich um ihn herum. Der Engel ist verschwunden und Manuel sieht wieder die Wand und den Boden.
Plötzlich hört er die Sirene eines Krankenwagens und um ihn herum wird es zusehends noch dunkler. Er liegt in einer großen Lache aus Blut und verliert das Bewusstsein.
Nun ist doch etwas passiert, was er in seinen ersten 17 Leben nicht erlebt hat. Der Erzengel Michael ist ihm erschienen und hat seltsame Worte zu ihm gesagt. Das hat auch die „niedere Obrigkeit“ der Finsternis erfahren und ist davon schwer beeindruckt. Gibt es doch nur wenige Menschen, denen bisher ein Erzengel erschienen ist. Aber selbst von diesen Leuten hat es nicht jeder geschafft, die nächste Ebene des Daseins zu erreichen oder gar die Aussicht auf das Endziel zu haben. Auf jeden Fall hat sich in Manuels Leben etwas gravierendes bewegt und es ist doch mehr als interessant zu wissen, wie nun sein Leben weitergehen mag. –
Manuel liegt seit langem im Krankenhaus. Es sollen fast 3 Monate ins Land gehen, bis er endlich wieder nach Hause entlassen werden kann. Die Ärzte haben seinen Eltern erzählt, dass ihr Sohn zwar einen Schädelbasisbruch der übelsten Sorte erlitten hat, aber trotzdem so etwas wie einen Schutzengel gehabt hatte. Manuels Hirnrinde war zum Glück unversehrt geblieben und er ist damit dem Tod noch einmal von der Klinge gesprungen. Seine Eltern und seine Schwester besuchen ihn regelmäßig und jedes Mal ist die Freude groß, wenn wieder ein Besuch zu ihm kommt. Er hat sich auf jeden Fall vorgenommen, nie wieder in seinem Leben auf einem Geländer zu rutschen und wird auch bestimmt die ersten 7 Wochen in der Klinik nicht vergessen, wo er so oft mit Spritzen „traktiert“ worden ist. Über sein Erlebnis mit dem Erzengel Michael hat er bis jetzt noch nicht mit einem anderen Menschen geredet, aber es drängt ihn, mehr von Michael zu erfahren.
An einem Tag als ihn die Mutter alleine besucht, weil der Vater sich um Manuela kümmern muss, die jetzt auch mit Fieber im Bett liegt, fragt Manuel:
„Mama. Gibt es Erzengel?“
Die Mutter sieht erstaunt auf und antwortet lächelnd:
„Aber sicher, mein Sohn. Es gibt sogar mehrere.“
Manuel ist hin und weg bei diesen Worten und er fragt:
„Kennst du auch Einige mit Namen?“
„Ja.“, kommt die Antwort. „Nur drei oder vier. Aber warum fragst du?“
„Sage mir die Namen Mama. Bitte.“, klingt schon fast ernst Manuels Stimme.
„Gut.“, meint die Mutter, irritiert über die Wissbegier ihres Sohnes. „Also. Da wäre Raphael, Gabriel, Luzifer und... Ach ja. Und noch Einer. Michael.“
Manuel bleibt vor Staunen der Mund offen und die Mutter erkundigt sich bei ihm nach dem Grund. Erst nach gutem Zureden meint der Sohn mit großen Augen:
„Ich habe Einen von ihnen gesehen. Es war Michael.“
Jetzt ist es die Mutter, die staunend auf ihren Sohn sieht.
„Aber Manuel. Erzengel kann man nicht sehen.“
„Doch Mama.“, erwidert der Junge fest. „Ich habe ihn nicht nur gesehen. Er hat auch mit mir geredet und ich habe ihn nach seinem Namen gefragt. Er ist Michael, hat er gesagt.“
Die Mutter sieht lächelnd, aber auch überlegend Manuel an.
„Glaubst du mir etwa nicht, Mama?“
„Doch.“, erwidert die Mutter überzeugend. „Aber sage das nicht zu anderen Leuten. Und jetzt erzähl mir mal, wann und wo du den Erzengel Michael getroffen hast. Ich behalte das auch für mich. Versprochen.“
Manuel fühlt sich bei diesen Worten gleich etwas leichter und er berichtet nun der Mutter von der Begegnung.
„...und zum Schluss sagte er noch, er werde bei mir sein, wenn ich ihn brauche.“, schließt Manuel aufgeregt ab.
Die Mutter streicht ihm sanft über die linke Wange und meint mit gütiger Stimme:
„Ich glaube dir. Aber wie gesagt: Rede mit keinem anderen darüber. Auch nicht mit Papa oder deiner Schwester. Ich werde es auch für mich behalten. Das habe ich dir versprochen. Nur bist du der einzige Mensch, den ich kenne, der einen Erzengel gesehen hat und das soll unser Geheimnis bleiben. Versprichst du mir das? Michael würde das bestimmt auch so wollen.“
„Klar, verspreche ich das.“, antwortet der Sohn schnell.
„Weißt du Manuel, ich glaube sogar ganz fest an das, was du mir erzählt hast. Denn du wurdest in der Schule so sehr verletzt, dass man schon einen Schutzengel braucht, um so einen Unfall zu überleben.“
„Michael ist ein Erzengel.“, gibt Manuel fest von sich.
„Ja. Ich weiß.“, lenkt die Mutter sofort ein. „Ein Erzengel hat noch mehr Macht als ein Schutzengel. Du musst schon etwas besonderes sein, wenn ein Erzengel mit dir redet.“
Da die Mutter eine tiefgläubige Katholikin ist, hat sie ihren Sohn auch nicht belogen und sie glaubt wirklich an das Geschehene zwischen Manuel und Michael. Selbst die Ärzte redeten von einem Schutzengel, den ihr Sohn gehabt haben muss. Sie fragt ihn aber, wie denn Michael aussieht und bekommt bereitwillig Auskunft.
Manuel nimmt sich vor, sein Geheimnis um Michael nur mit seiner Mutter zu teilen, denn er hat es ihr ja auch versprochen. Und was man verspricht, soll man auch halten. Das hat er schon von klein auf von seinen Eltern gelernt. Und doch freut er sich schon darauf, mit dem Erzengel Michael bald wieder reden zu können. So eindrucksvoll war dieses Erlebnis, dass er es bestimmt sein Leben lang nicht vergessen wird. Von nun an wird er aber sein Gute-Nacht-Gebet nie mehr „vergessen“ und auch jedes Mal dabei Michael mit einschließen.
Nach 3 Monaten wird Manuel aus der Klinik entlassen und nur wenige seiner Klassenkameraden haben ihn in dieser Zeit besucht. Am meisten freute er sich, wenn ihn Myriam, die auch in seiner Klasse ist, besuchen kam. Sie ist ein aufgeschlossenes, sehr hübsches Mädchen mit blonden schulterlangen Haaren und viele Buben in der Schule scharen sich als Verehrer um sie.
Doch als Manuel wieder dem Unterricht in der Schule folgen konnte, änderte sich sein Leben im Laufe der nächsten 2 Wochen schlagartig. Wollten doch viele der Schüler immer an seinem Kopf herummachen, um zu sehen, ob vom letzten Unfall noch etwas zu erkennen ist. Dies ärgerte ihn aber und es lies sich auch nicht vermeiden, dass eines Tages dabei seine Wundnarbe am Hinterkopf für mehrere Schüler sichtbar wurde.Dann ging es Schlag auf Schlag. Schnell war das Wort vom „Glatzenkönig“ in mehreren Mündern und Manuel wurde von vielen Buben, aber nur von einem Mädchen auf üble Art und Weise verspottet. In den folgenden Wochen aber spitzte sich die Situation immer weiter zu. Er wurde gewaltsam von mehreren Schülern festgehalten, wobei ein anderer Junge für allen Umstehenden seine kahle Stelle am Hinterkopf freilegte. Gegen so viele Kinder hatte er natürlich keine Chance und so wuchs seine Wut immer mehr an. Selbst die Lehrkräfte und der Rektor konnten Manuel nicht helfen. Meistens wurde er dann in die Zange genommen, wenn die Luft „sauber“ war. Seine Eltern machten ihm immer wieder Mut und sagten, dass sich das schon wieder legen werde. Es wurde aber immer schlimmer. Manuel kam immer öfter weinend von der Schule nach Hause gelaufen, weil er sich vehement gegen diese Attacken zur Wehr setzen wollte und seit neuestem sogar täglich von den Unruhestiftern verprügelt wurde.
Dies konnte auf Dauer nicht gut gehen. Manuel rief jeden Abend bei seinem Gebet zu Michael und flehte: „Ich brauche dich. Ich bin in Not. Hilf mir, Michael. Ich halte das nicht mehr aus.“
Aber nichts passierte. Kein Licht, kein Michael, keine Hilfe. Täglich grauste es ihn immer mehr davor, wieder in die Schule zu gehen. Ihm ging eines Tages der Gedanke durch den Kopf, dass er doch besser die Schule schwänzen wird. Am Abend dieses Tages, als er endlich eingeschlafen und in das Reich der Träume verschwunden ist, hatte er einen Traum, bei dem er alleine alle seine Widersacher in der Schule mit Erfolg verprügelt hat, um ihnen die Schande und die Schmach der letzten Wochen heimzuzahlen. Und das war noch nicht genug. Im Traum sagte ihm dann noch eine Stimme, dass er alle seine Sorgen loshaben wird, wenn er sich nur ein einziges Mal so richtig zur Wehr setzen wird. Das gab ihm den nötigen Mut und er nahm sich am nächsten Morgen beim Frühstück vor, dass ihn ab heute keiner in der Schule mehr ärgern, festhalten oder auch schlagen wird. Und er sollte Recht behalten. Dieser Tag wird nicht nur sein Leben, sondern auch das von anderen Leuten ändern. Manuel ist erst 11 Jahre alt, aber sein Wille scheint nun dem eines Erwachsenen gleichzukommen. Es wird heute sein Tag werden. Wer ihn heute anfasst, wird so tief fallen, dass nicht mal mehr sein Aufprall zu hören ist. Ab heute wird das ganze Drama in der Schule enden und er wird es Michael zeigen, dass er auch ohne seiner Hilfe, um die er so sehr und so oft gefleht hat, aus diesem Hexenkessel kommen wird.
Der Mutter ist Manuels sehr ruhiges Verhalten beim Frühstück aufgefallen und erkundigt sich, was mit ihm los sei. Er gibt zu verstehen, dass alles in Ordnung ist und er sich für ein Diktat heute in der Schule konzentriert, was ja auch nicht gelogen war.
Heute geht Manuel nicht im Schleichgang, sondern mit sehr schnellen Schritten in die Schule. Er hat den festen Gedanken, dass er dem ersten Schüler, der ihn anfassen will, mit so einer Tracht Prügel eindecken wird, die er sein Leben lang nicht vergisst. Schon von Weitem rufen ihm die zwei schlimmsten Schläger der Schule Verspottungen zu und Manuel geht mit keinem Wort darauf ein. Er eilt in sein Klassenzimmer, setzt sich auf seinen Platz und schaut nach vorne auf die Tafel. Sein Plan steht für ihn fest. Der Erste wird daran glauben müssen.
Der Unterricht hat noch nicht begonnen, aber von den wenigen anwesenden Schülern in der Klasse kommen noch keine Sticheleien. Noch nicht!
Plötzlich bekommt er einen Schlag mit der flachen Hand auf den Hinterkopf und hört die Stimme von Ulrich höhnisch rufen:
„Da ist ja unser Glatzenkönig!“
Manuel springt sofort hoch und Ulrich läuft auf die Tür des Raumes zu und in den Gang hinaus. Eilig rennt Manuel hinter Ulrich her und brüllt ihm nach:
„Heute mache ich dich flach! Du elendes Schwein! Ich breche dir alle Knochen. Du Sau!“
Manuel erreicht gerade die Tür, da stößt er auch schon mit dem Lehrer zusammen, der gerade in das Klassenzimmer gehen möchte. Der Lehrer stellt ihn sofort zur Rede. Doch dieser ist gerade mitten in seiner Wut und schreit:
„Den Ulrich mache ich zu Hackfleisch! Er hat mir schon wieder auf den Hinterkopf geschlagen!“
Jetzt spricht der Lehrer aber ein strenges Machtwort, ruft den Ulrich herein, der auch kurz darauf erscheint und verweist die beiden Kontrahenten kurzentschlossen auf ihre Plätze.
Manuel ist voller Wut über diese Tadelung und noch bevor der Unterricht beginnt, dreht sich Ulrich kurz zu ihm und zeigt dessen geballte Faust. Dies ist der Moment, wo nun Manuel explodiert und er ruft voller Zorn:
„Heute kommst du nicht heil nach Hause, du Schwein!“
„Ruhe, Manuel!“, schreit der Lehrer zornig auf.
Doch Manuel kümmert das nicht und er schreit weiter auf Ulrich ein:
„Bei Gott! Ich schwöre es dir! Heute bist du dran! Diesmal wirst du alles auf einmal zurückbekommen! Ich reiße dich noch heute nach der Schule in Stücke! Du...“
„Manuel!“, poltert der Lehrer erregt, geht auf ihn zu, doch dieser sieht voller Wut in das erschrockene Gesicht von Ulrich, der nun ganz Blass im Gesicht ist.
Der Lehrer will Manuel gerade am Ohr ziehen, da kreischt dieser:
„Fass mich nicht an! Mir tut niemand mehr weh!“
Erschrocken über Manuels Dreistigkeit gibt der Lehrer sein Vorhaben auf und ruft:
„Das gibt einen schriftlichen Verweis, Manuel! Was wohl deine Eltern dazu sagen werden?“
„Gar nichts werden meine Eltern sagen!“, gibt Manuel fest zu Wort und blickt wieder auf den entgeisterten Ulrich.
Alle Kinder in der Klasse blicken entsetzt zwischen Manuel und dem Lehrer, der nun wieder zu seinem Pult geht, hin und her und noch einmal zischt Manuel Ulrich an:
„Du wirst leiden wie noch nie, du Schwein!“
„Ruhe, Manuel!“, ruft der Lehrer jetzt zornig und seine Hand klatscht mit Nachdruck fest auf dessen Pult.
Manuel lässt Ulrich noch lange nicht aus den Augen. Zu sehr verletzt ist dieses kindliche Gemüt. Aber dieses Kind sinnt auf Genugtuung. Auf Rache!
Der Lehrer tut so als sei nichts gewesen und in der Klasse selbst ist es heute ungewohnt ruhig. Immer wieder blickt Ulrich vorsichtig in Richtung Manuel, doch dieser gönnt ihm keinen Blick mehr. Er ist zu sehr mit dem Diktat beschäftigt und hat aber noch einen festen Gedanken: Wenn die Schulglocke das Ende des Unterrichts einläutet, wird er Ulrich stellen! Sofort und so schnell wie möglich! Und zwar so, dass er nie wieder von anderen Schülern wegen eines Gebrechens, welches ihm mit 2 Jahren passiert ist, gegängelt und geschlagen wird, wenn er sich wehrt. Das Signal der Schulglocke wird heute für ihn ein Signal auf die Jagd nach Ulrich sein.
Der Lehrer sammelt schließlich alle Diktate der Schüler ein und der Unterricht neigt sich auch schon dem Ende zu. Es ist Manuel aufgefallen, dass Ulrich schon jetzt alle seine Hefte und Stifte einpackt, doch er selbst hat seine Sachen schon längst verstaut. Manuel ist bereit und wartet nur noch auf das Ende des Unterrichts.
Die Schulglocke ertönt und sofort sprintet Ulrich, der ein paar Meter näher an der Tür als Manuel seinen Platz hat, auf die Tür zu und eilt davon. Manuel rennt wie von Sinnen sofort hinterher, war er doch auf so etwas schon gefasst.
Der Lehrer erkennt sofort den Ernst der Situation, will mit einem lauten „Halt!“ Manuel an der Schulter festhalten, doch er greift ins Leere. Die Jagd hat begonnen!
Manuel verfolgt im Dauerlauf Ulrich und rutscht nicht das Treppengeländer herab um noch schneller zu werden. So schnell ihn seine Beine tragen, verfolgt er Ulrich hinaus aus dem Haus, wo der Gejagte auf einen Parkplatz zusteuert, auf dem auch etliche Autos abgestellt sind. Mit Entsetzen stellt Ulrich fest, dass Manuel ihn fast eingeholt hat und läuft schnell hinter einen der geparkten Wagen.
Nun beginnt ein Katz- und Mausspiel, das viel Geduld erfordert. Die Beiden bewegen sich keuchend um das Auto herum, was als Erstes den Anschein macht, dass Manuel den Gejagten nicht erwischen kann, weil er ihn ständig auf der anderen Seite des Autos hat, egal wie er sich bewegt.
„Ich bekomme dich schon noch!“, ruft Manuel lautstark dem verängstigten Ulrich zu und schon kommen in Scharen weitere neugierige Schüler in Richtung Parkplatz.
Und weiter geht die Hatz um das Auto herum. Gebannt und in einem gebührenden Abstand verfolgen die anderen Kinder das Geschehen zwischen Manuel und Ulrich.
„Der bekommt ihn nie!“, ruft einer der Schüler laut.
„Doch!“, gibt Manuel fest zu Wort und rennt weiter hinter Ulrich her.
„Lass mich in Ruhe!“, keucht Ulrich mit rotem Kopf und blickt voller Angst kurz in Manuels wutverzerrtes Gesicht.
„Erst wenn du es hinter dir hast, du Ratte!“, poltert Manuel und spürt, wie er gerade Seitenstechen wegen dem Laufen bekommt.
Ulrich rennt gerade hinter das Heck des VW-Käfers, da verfängt sich sein Bein an der Stoßstange des Wagens und er fällt zu Boden. Schon ist Manuel zur Stelle und wirft sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihn, der nun auf dem Bauch liegt. Manuel packt ihn sofort an beiden Ohren, zieht dessen Kopf hoch und schlägt den sich windenden Ulrich mit dem Gesicht in den Asphalt.
„Hilfe!“, kreischt Ulrich und sein Strampeln wird nun noch schneller.
Manuels Fäuste prügeln wie von Sinnen auf Kopf und Rücken von Ulrich ein und er ruft:
„Dich mache ich so platt, bis du schwimmst, du Sau!“
Manuel prügelt weiter auf Ulrich ein und es ist schon sehr verwunderlich, dass der Unterlegene nur strampelt und sich windet, aber keine sichtbare Gegenwehr zeigt. Manuel hört auch nicht das aufgeregte Stimmengewirr der anderen Schüler, da er zu sehr mit „der Abrechnung“ von Ulrich und seiner angestauten Wut zu tun hat.
Schon bald ist der Widersacher unter Manuel nur noch ein wimmerndes „Etwas“. Manuel erhebt sich kurz, tritt mit einem Bein dem Keuchenden kräftig in den Rücken und stürzt sich wieder auf ihn, indem er ihn erneut an Ohren und Schläfen packt. Er zieht Ulrichs Kopf weit in die Höhe, blickt auf die Stoßstange des Autos und knurrt böse:
„Jetzt wirst du einmal die Stoßstange küssen!“
Von Ulrich ist kein Wort zu hören und schon wird dessen Mund von Manuel in die Stoßstange gerammt. Und gleich noch einmal. Jetzt, wo das erste Blut von Ulrich spuckend zu Boden geht, ist Manuel nicht mehr zu halten und macht ganze Arbeit. Immer wieder rammt er den Kopf seines Provokateurs in das Metall. Ja, Kinder können grausam sein. Erst als Ulrich keinen Ton mehr von sich gibt und Myriam beherzt auf Manuel einredet, lässt dieser von Ulrich ab und sieht auch schon vier Lehrer aus der Schule auf den Parkplatz laufen.„Manuel!“, ruft einer der Lehrer aufgeregt.
Doch Manuel kümmert sich nicht weiter darum und rennt aus dem Schulgelände.
„Manuel!“, hört er es wieder sehr streng und er ruft zurück:
„Ab heute lässt man mich in Ruhe!“
So schnell er nur laufen kann, rennt er nach Hause und kommt außer Atem bei seiner Mutter an. Diese fragt ihn sofort, was mit ihm denn los sei und Manuel berichtet ihr, was er gerade getan hat und dass ihn nun niemand mehr in der Schule ärgern und schlagen wird.
Die Mutter reagiert entsetzt über den Vorfall und schon hört man draußen das Martinshorn eines Krankenwagens.
„Um Gottes Willen, Manuel!“
Mit diesen Worten greift sie sich Manuel an den Schultern und schüttelt ihn leicht. Ihr Gesicht ist von Blässe und Entsetzen gezeichnet. Es fehlen ihr sichtlich die Worte. Mit einem Blick aus dem Küchenfenster erkennt Sie, dass sich Manuels Lehrer mit eiligen Schritten dem Haus nähert.
„Dein Lehrer kommt.“, meint die Mutter gefasst und Manuel gibt zurück:
„Ich musste mir selber helfen, Mama. Keiner hat mir die ganze Zeit geholfen. Ich...“
„Sei still.“
Die Worte der Mutter hörten sich fast so an, als hätte Sie Angst. Und schon klingelt es an der Wohnungstür. –
Es folgte eine schwere Zeit für Manuel. Zwar hatte er in der Schule von diesem Tag an seine Ruhe, doch er wurde von seinem Vater, von Polizisten und auch von Leuten einer Versicherung durch und durch befragt. Immer wieder. Fast zwei Monate lang.
Ihm wurde dabei bewusst, dass er sehr schlimmes angestellt hat und musste seinen Eltern versprechen, dass er so etwas nie wieder tun wird. Manuel, der sich aber in seinem Innersten noch nicht beruhigt hat, sagte seinem Vater, sollte Ulrich noch einmal anfangen, dann werde er ihn töten. Dies sei sein ganzer Ernst.
Der Vater erkannte zum Glück die Heftigkeit der verfahrenen und beinahe schon hoffnungslosen Situation. Ulrich wurde in der Schule nie mehr gesehen, denn als er aus der Klinik entlassen wurde, zogen seine Eltern, die sich auch mit Manuels Eltern eingehend beraten haben, in eine andere Stadt. Manuel hat nie erfahren, wohin dessen Eltern gezogen sind und er wollte es auch nicht wissen. Zum Glück war Manuels Vater kein armer Mann und so wurden Ulrich, der wegen Manuel seine ganzen vorderen Zähne verloren hat und auch einen Kieferbruch erlitt, ein Großteil des Gebisses durch eine Prothese ersetzt.
Manuel hat gelernt, sich im Leben durchzuschlagen und begann nach dem Schulabschluss eine Lehre bei seinem Vater als Diamantschleifer. Seine Schulfreundin Myriam, die er schon vom Kindergarten her kennt, wurde seine Frau und Beide haben eine Wohnung im Nachbarhaus der Böhmerwaldsraße von Manuels Eltern. Seine Schwester Manuela macht gerade eine Ausbildung zur Bürokauffrau in einem Möbelhaus in Passau, wohin sie jeden Tag mit dem Bus die knapp 40 Kilometer von Freyung hin fährt.
Manuels Jugend war nicht so bewegend wie die von vielen anderen Jugendlichen in Freyung und deren Umgebung. Er geht einer anständigen Arbeit im Familienbetrieb im Waldvereinsweg nach, hat eine liebe nette Frau und Beide haben auch den Wunsch nach Kindern. Damit wolle er aber noch warten, bis seine Ausbildung beendet ist, denn es hat doch seiner Meinung keine besondere Eile damit.
Eines Tages, Manuel ist noch in der Ausbildung, nimmt der Vater seinen Sohn auf ein Kundengespräch in das etwa 11 Kilometer entfernte Waldkirchen mit, damit er ein paar kleine Tipps in der Praxis des Juwelengeschäftes erlernen kann, denn es ist seine Meinung, man könne kaum früh genug damit anfangen. Das Auto ist ein neuerer Renault 4, hat schon einige Jahre hinter sich und nur der Rahmen der Beifahrertüre ist nach einem erfolglosem Einbruch immer noch etwas verzogen, so dass die Türe beim Schließen daran schleift.
Der Vater gibt beim Kunden, einem reichen Besitzer eines Supermarktes, eine Bilderbuchberatung über den Diamanten mit einem ganzen Karat, der für die Frau des Kunden zur bevorstehenden Silberhochzeit in einen Ring aus Platin gefasst werden soll. Manuel ist von der enormen Sprachgewandtheit seines Vaters mehr als beeindruckt und am Ende der Beratung gibt der Kunde die Bearbeitung des Ringes mit voller Zufriedenheit in Auftrag.
Anschließend fährt der Vater noch in Waldkirchen zum Tanken und Manuel kauft bei dieser Gelegenheit für seine Frau noch einen wunderschönen Strauss Blumen, legt diese auf die Rückbank, setzt sich in das Auto und lehnt wegen des sehr warmen Sommers die Beifahrertüre etwas an.
Kurz darauf ist auch der Vater fertig, steigt in den Wagen und Manuel zieht seine Türe in Gedanken etwas weiter zu sich.
„Na, Manuel.“, freut sich der Vater. „Da wird sich Myriam aber über die schönen Blumen bestimmt freuen.“
Der Sohn nickt lächelnd und schon nimmt der Vater die Fahrt nach Freyung auf. Da sich die Beiden sehr gut verstehen, dauert es auch nicht lange, bis sie lachend über banale Dinge feixen. Auf einem geraden, leicht ansteigendem Straßenabschnitt will sich Manuel schnell an die Türe des Beifahrers lehnen, da ihn der Vater mit einer schnellen Handbewegung im Spaß erschrecken will.
Da die Türe auf Manuels Seite nicht eingerastet ist, fällt dieser aus dem Auto und kann sich noch kurz an der Tür wie im Reflex festhalten. Der Wagen hat gut 80 km/h auf dem Tacho und zwischen dem Auto und der Leitplanke sind gerade mal etwa 50 Zentimeter Platz. Der Sohn ruft laut und deutlich „Hilfe“ und der erschrockene Vater will sofort den Wagen abbremsen. Doch in diesem Moment verliert Manuel seinen Halt, wird zwischen Auto und Leitplanke geschleudert, überschlägt sich mehrfach und sieht trotzdem noch ein anderes Auto, dass ihnen in etwa 100 Meter Abstand folgt. Der Fahrer des Wagens erkennt zum Glück die schreckliche Situation und macht eine Vollbremsung.
Jetzt enden die Überschlagungen von Manuel, doch er saust nun schleifend auf dem Bauch über den Asphalt und versucht mit den Handballen seine Geschwindigkeit zu mindern. Wahnsinnige Schmerzen durchziehen seinen Körper, da ihm der Straßenbelag Haut- und Fleischteile aus Händen und Brust reißt. Mit schmerzverzerrtem Gesicht blickt er nach vorne und sieht, wie der Wagen seines Vater nun zum stehen kommt.
Auch Manuel kommt gerade endlich zum Stillstand und ihm ist, als würde er in kochendem Öl baden. Die Kleidung ist zerfetzt, Blut dringt aus zahllosen Wunden. Erleichtert stellt er fest, dass er sich zum Glück nichts gebrochen hat.
Jetzt sieht er seinen Vater völlig aufgelöst und eilig auf sich zukommen und dieser ruft:
„Manuel! Junge! Wie ist denn das passiert?“
Erstaunlicherweise bleibt der Fahrer des anderen Wagens ganz ruhig. Er fährt nun einfach weiter, als wäre nichts passiert.
Manuel prustet sich und keucht erschöpft:
„Ich... Ich... Mist auch.“
Der Vater hilft seinem völlig geschundenen Sohn vorsichtig auf die Beine, ist erleichtert darüber, dass er sich nichts gebrochen hat, hilft ihm in das Auto, fährt mit glasigem Blick wieder los und meint:
„Ich bringe dich vorsichtshalber ins Krankenhaus. Mein Gott. Du siehst aus wie ein Metzger.“
„Bring mich nach Hause, Papa.“, stöhnt Manuel und fügt hinzu, dass alles nicht so schlimm sei.
Der Vater aber ist anderer Meinung und es gelingt dem Sohn doch noch, ihn davon zu überzeugen, dass er auch ohne der Klinik wieder genesen wird.
Zuhause angekommen, kümmern sich sofort Manuels Frau und seine Mutter um ihn. Sie sind entsetzt über seinen Zustand und nachdem sie ihn von seinen Fetzen, die einmal seine Kleidung waren, befreit hatten, wurde das ganze Ausmaß seiner Verletzungen sichtbar. Manuel sieht aus, als hätte eine Riesenmetallraspel seinen Körper bearbeitet. Mit Jod werden ihm die teilweise riesigen Wunden ausgepinselt, um mögliche Infektionen von Vornherein zu verhindern. Genau diese Prozedur wird Manuel sein Leben lang nicht vergessen können. Das Brennen des Jods in seinen Wunden spürt er so exzessiv, dass er meint, seine Haut würde sich in kochendem Wasser befinden und gleichzeitig abgezogen. Mit schmerzverzerrtem Gesichtausdruck lässt er dieses „Martyrium“ über sich ergehen, wird aber dabei nicht bewusstlos.
In den nächsten Tagen und Nächten ist es ihm kaum noch möglich, etwas zu schlafen, da die Schmerzen wie eine Art unsichtbarer Vorschlaghammer ständig in seinen Wunden zu hämmern und zu wühlen scheinen. Es vergeht fast eine Woche, bis der geschundene Körper das erste Mal richtig in Schlaf versinken kann und nach einer weiteren Woche kann Manuel das Bett auch schon alleine verlassen. Er wurde mit beispielloser Fürsorglichkeit von Myriam und seiner Mutter gepflegt. Der Vater hat sich sofort nach diesem Unfall von seinem Auto getrennt und einen neuen Opel Admiral gekauft, der die Form eines schnittigen Straßenkreuzers hat.
In der Zeit, wo Manuel seine Wunden zu lecken hatte, gingen ihm einige andere Gedanken durch den Kopf und er ertappte sich dabei, dass er am Ende immer wieder an den Erzengel Michael denken musste. So erinnerte er sich an die Schmerzen, als er sich mit zwei Jahren den Hinterkopf in einer Bratpfanne verbrannte. An die Schläge, der er in der Schule bekam und dort dann auch selber sich mal kräftig zur Wehr setzte. Der Unfall in der Schule, bei dem er auf dem Boden liegend den Erzengel Michael sah. Michael! Er sagte doch, er werde bei ihm sein, wenn er ihn braucht. Zu gerne würde er sich mit Michael etwas ausgiebiger unterhalten und ihm einige Fragen stellen.
Er erinnert sich daran, als er mit 14 Jahren mit dem Schlauchboot, dass er sich über lange Zeit erspart hatte, auf dem Stausee des Saussbaches von Freyung herumpaddelte. Vom Ufer aus wurde er von einem Jungen aus der Schule mit Pfeilen beschossen. Einige der Pfeile gingen nur knapp an ihm vorbei und als das mehrfach getroffene Schlauchboot mit ihm im See unterging, lachte der Junge mit Namen Felix ihn nur dreckig aus und versteckte sich hinter einem der vielen Bäume des Waldes am steilen Seeufer. Manuel, außer sich vor Wut im Schlamm des schon lange nicht mehr ausgebaggerten Sees feststeckend rief Felix zu, er werde ihn killen, falls er ihn erwischen werde. Und er merkte sich ganz genau die Stelle, wo er Felix zum letzten Mal hinter einen Baum huschen sah.Nach über einer halben Stunde gelang es ihm, durch den Schlamm watend das rettende Ufer zu erreichen, wobei er immer mit einem Auge darauf achtete, ob Felix etwa doch noch aus seinem Versteck hervorkommen und dann vor ihm weglaufen würde. Es wäre ja auch möglich gewesen, dass Felix noch Pfeile haben würde, die er dann auch gegen ihn abschießen könne.
Das alles war Manuel egal. Er musste Felix erwischen und er vergaß doch wirklich sein Versprechen, welches er seinen Eltern gegeben hatte, als er Ulrich die gesamte Front der Zähne ausgeschlagen hatte.
Er ließ sich seine Wut nicht mehr anmerken, wo er doch wusste, dass er von Felix immer noch beobachtet wurde. Das kaputte Boot hatte Manuel hinter sich hergezogen und an das Ufer gelegt. Es war für ihn sehr anstrengend, durch den Schlamm das Ufer zu erreichen und gönnte sich erst einmal eine Verschnaufpause, wobei er immer noch vorsichtig auf das Versteck von Felix schielte. Als er aber wieder bei vollen Kräften war – Manuel war in seiner Jugend ein sehr guter und ausdauernder Läufer – nahm er blitzschnell die Jagd auf Felix in Angriff. Er würde ihn mit Sicherheit umbringen, denn auch Felix hätte ihn mit seinen Pfeilen tödlich treffen können.
„Ich mache dich kalt!“, schrie Manuel in Richtung Felix, doch dieser blieb immer noch in seinem Versteck.
„Ich weiß, wo du bist, du Arschgesicht!“, polterte Manuel erneut und rannte in Richtung Felix, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her.
Er hatte nur noch etwa zehn Meter bis zu seinem Ziel, da kam plötzlich Felix hinter dem Baum erschrocken zum Vorschein und wollte jetzt noch tiefer in den Wald flüchten. Aber dieser war der Ausdauer von Manuel nicht im geringsten gewachsen und schon Sekunden später hatte er ihn mit einem lauten „Jetzt habe ich dich!“ von hinten an dessen dünner Jacke im Griff. Beide stürzten zu Boden und der Bogen von Felix flog einige Meter ins Abseits. Manuel bemerkte in seiner Wut gerade noch, dass sein Gegner keinen einzigen Pfeil mehr bei sich hatte und schon ließ er seine Fäuste auf Felix einschlagen. Außer sich vor Wut prügelte er seinen Kontrahenten den ganzen Weg zurück bis zu der Stelle, wo das kaputte Boot am Ufer lag. Felix selbst kam kaum dazu, sich zu wehren, da Manuel doch um einiges kräftiger war.
„Dich haue ich windelweich, du Miststück!“, knurrte dieser und fügte hinzu: „Ich prügle dir die Seele aus dem Leib, bist du tot bist!“
Und schon schlug Manuel wieder auf den fürchterlich kreischenden Felix mit aller Gewalt ein. Er prügelte ihn auf den Gehweg der nahen Staumauer, wo es auf der anderen Seite etwa 6 Meter senkrecht abwärts geht.
Es dauerte auch gar nicht mehr lange, da war von Felix nur noch ein wimmerndes Geräusch zwischen Manuels Hieben zu vernehmen. Doch genau darüber ärgerte sich Manuel so sehr, dass er sich wie von Sinnen auf Felix warf, auf dessen Bauch sitzend nun seine Kehle mit festem Griff umklammerte und zudrückte. Immer fester würgte er den am Boden Liegenden, der wild zu zappeln begann und schon bald im Gesicht blau anlief.
Das Röcheln von Felix wurde immer schwächer und der Blick von Manuel glich ganz konzentriert, wie durch eine Art Tunnel des Todes. Es war sein fester Wille, Felix hier und jetzt für seine Gemeinheiten und auch die der anderen Entgleisungen ihm gegenüber, zu töten.
Felix war schon dem Tode näher als dem Leben, da traf wie ein Donnerschlag etwas auf Manuels Kinn. Und zwar so hart, dass er vollends nach hinten umkippte.
Emil, ein sehr guter Freund und Klassenkamerad von Manuel, hatte ihm einen Kinnhaken verpasst!
Emil! Sein Freund! Er stand wie herbeigezaubert, plötzlich neben Manuel und stellte ihn barsch zur Rede. Er musste aus größerer Entfernung das Drama auf der Staumauer gesehen haben und ist dann mit aller Entschlossenheit dazwischengegangen. Emil war ihm in jeder Hinsicht ebenbürtig und dieser kümmerte sich sofort nach Manuels erklärenden Worten um Felix.
Manuel reagierte sichtlich sauer darüber, dass er sein „Werk“ nicht zu Ende bringen konnte, denn er war doch seinem Ziel schon so nah.
Am nächsten Tag, als er sich die Sache mit Felix und Emil noch mal gründlich durch den Kopf gehen ließ, war er sogar froh darüber, keinen Menschen getötet zu haben und bedankte sich bei Emil für dessen sofortiges Einschreiten auf der Staumauer. Beide, Emil und Manuel, blieben die besten Freunde.
Dies war aber nicht das einzige negative Erlebnis, was irgendwie mit Felix zu tun hatte. Wie der Teufel es will, kam es Wochen später zu einem weiteren Zwischenfall. Manuel war gerade mir dem Fahrrad unterwegs zu Emil, der in der Saussbachstraße gegenüber von Felix wohnte. Es war ein sonniger Tag und die Eltern von Felix haben sich erst kürzlich einen jungen Schäferhund, der schon fast zur Hälfte erwachsen war, zugelegt und dieser Hund war schnell als ein notorischer Kläffer in Freyung bekannt. Er verbellte alles Fremde, was dem Haus seines Herrchens in die Nähe kam. Natürlich wurde auch Manuel von dem Hund angebellt. Aber diesmal war das Tier nicht wie sonst üblich angekettet an der Hausmauer und er biss Manuel von hinten in den linken Unterschenkel. Ein Schmerz, wie von mehreren Stricknadeln in seinem Bein getroffen durchfuhr ihn und er bremste sofort sein Fahrrad ab.
Was dann passierte, klingt unglaublich. Voller Wut stützte sich Manuel auf den Hund! Er wurde noch zweimal von ihm in die rechte Hand und in den linken Oberarm gebissen und, als wäre nichts passiert, nahm sich Manuel das Tier richtig zur Brust. Er verprügelte den Hund so sehr, dass dessen schmerzhaftes Winseln weit über die gesamte Straße hörbar war.
Der Hund hat die Attacken von Manuel zwar überlebt, doch er hat von diesem Tag an nie wieder Leute verbellt. Und wenn Manuel mal wieder mit dem Fahrrad an dessen Haus vorbeikam, hat sich der Hund sofort erschrocken in seiner Hundehütte versteckt.
Er bekam zwar eine Anzeige wegen Tierquälerei, doch das Verfahren wurde dann doch letztendlich wegen Geringfügigkeit eingestellt.
Manuel hatte mit der Zeit in Freyung den Ruf bekommen, ein Mensch zu sein, der sich rücksichtslos durchzusetzen weiß, sollte dies erforderlich sein. Sonst aber war er friedlich und tat keinem Menschen etwas zuleide. Es gab sogar zwei ältere Damen, denen er hin und wieder die schweren Taschen vom Einkauf nach Hause trug. Manuel war also auch sehr sozial veranlagt und nicht nur Einer der sich durchzusetzen wusste.
Noch weiteres geht ihm im Krankenbett Zuhause durch den Kopf. Er denkt an die Zeit, als er erst vor einem Jahr seinen Führerschein machte und mit Vaters Hilfe ein günstiges Auto erwarb. Aber dieses Auto wollte schon nach kurzer Zeit ein anderer junger Mann aus Deggendorf für sich haben. Man wurde sich über den Kaufpreis einig, bei dem Manuel sogar einen schönen Gewinn machen würde und vereinbarte, dass er dem Käufer das Auto zu ihm nach Deggendorf überführen sollte.
Am frühen Abend der Übergabe fuhr Manuel los und da es schon im Frühjahr war, wurde es auch entsprechend bald ganz dunkel. Er nahm den Weg über Waldkirchen nach Passau und fuhr dann weiter auf der Autobahn in Richtung Deggendorf. Weit über die Hälfte des Weges hatte er schon zurückgelegt, da fiel im Auto die komplette Elektrik aus und der Wagen kam zum Stillstand. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was die Ursache des Defektes zu sein schien, hatte aber das Glück, dass er das Auto von der Autobahn auf einen Parkplatz gleich daneben schieben konnte. Dort öffnete er die Motorhaube und versuchte, die Ursache des Defektes zu finden. Aber ohne Erfolg.
Also nahm er sich vor, hier im Auto zu nächtigen und am nächsten Tag den Wagen in eine Werkstatt bringen zu lassen, denn in diesem Zustand würde der Käufer das Auto bestimmt nicht haben wollen. Würde Manuel ja auch nicht.
Bald schon fällt er in einen tiefen Schlaf und hat dabei eine Erscheinung im Traum. Ein Engel nimmt mit ihm Kontakt auf und Manuel sieht in das gütige Gesicht von Michael. Der Engel bewegt sich auf ihn zu, bleibt im grellen Licht direkt vor ihm stehen, berührt mit seiner Hand leicht Manuels Kopf und spricht auch mit der Stimme von Michael, die Manuel nie im Leben vergessen hat, zu ihm:
„Manuel. Ich bin sehr stolz auf dich. Führe dein Leben so fort, wie du es gerade tust und ich verspreche dir, ich werde dich mit in mein Reich nehmen. Du sollst die Ehre haben, mit vielen anderen für immer an meiner Seite zu sein. Aber Eines sollst du noch wissen: Das Leben auf Erden ist oft hart genug. Kämpfe dich mit aller Entschiedenheit durch dein Leben und zeige allen, dass du nicht nur auserkoren, sondern auch ein ganz besonderer Mensch bist. Ich werde immer über dich wachen Manuel. Immer bei dir sein. Jetzt und in alle Ewigkeit.“
Manuel ist fasziniert von der Erscheinung. Aber er hatte auch die Hoffnung nie aufgegeben, dass Michael wieder mit ihm in Verbindung treten wird. Michael! Dieser Name ist für ihn das reinste, das heiligste. Michael, der Erzengel. Er ist bei ihm. Unfassbar, aber wahr. Und die Zeit ist nun für ihn gekommen, Michael einige Fragen zu stellen.
„Ich habe gewusst, dass du wieder kommst, Michael.“, gibt sich Manuel äußerst beeindruckt und der Engel lächelt. „In welcher Welt lebst du denn?“
„Meine Welt ist riesengroß.“, antwortet der Engel. „Kein Mensch kann diese Welt so einfach verstehen.“
„Und wann komme ich zu dir?
„Schon bald, Manuel. Sehr bald.“
„Wenn ich gestorben bin?“, klingt Manuels Frage zaghaft.
„Alle Menschen sterben.“, lächelt der Engel. „Auch du. Aber du wirst mich in mein Reich begleiten. Mein Reich, in dem es nur Frieden gibt.“
„Sage mir noch Eines.“, klingen leicht beschwörend Manuels Worte. „Ich war öfter in Not. Warum warst du nicht da, als ich dich so dringend brauchte? Du hast es doch selber gesagt, dass du bei mir wärst, wenn ich dich brauche. Ich habe so gehofft, dass du mir hilfst.“
„Aber Manuel.“, meint der Engel wie belehrend. „Ich war auch immer bei dir und habe über dich gewacht. Und ich wusste jedes Mal, wenn du in Schwierigkeiten warst, dass du meine Hilfe dabei nicht brauchtest. Du hast es immer ganz alleine geschafft und darauf bin ich sehr stolz, weil du ja nur ein Mensch bist. Aber wenn es wirklich sein muss, werde ich rechtzeitig eingreifen.“Manuel ist sehr irritiert von diesen Worten, will auch schon die nächste Frage stellen, doch plötzlich beginnt sich die Erscheinung in ein Nichts aufzulösen. Er ruft sofort den Namen des Erzengels, doch dieser zeigt schon keinerlei Reaktion mehr und das Bild vor seinen Augen wird zur tiefen Schwärze.
Nun aber machte sich in ihm ein Gefühl breit, als würde er in ein endlos tiefes Nichts fallen und kurz darauf erwachte er aus diesem Traum. Sein Gesicht war verschwitzt und er setzte sich aufrecht hin. Der Rücken tat ihm leicht weh, da er sich im Schlaf etwas verkrampft hatte.
Ein Blick auf seine Armbanduhr zeigte, dass es genau Ein Uhr in der Nacht war und er dachte über den Traum nach, den er gerade hatte. Hatte er wirklich nur geträumt, oder ist ihm der Erzengel Michael in einer Vision erschienen?
„Michael!“, rief Manuel nun laut. „Michael! Ich muss mit dir reden. Es ist wichtig. Sehr wichtig. Michael!“
Einen Moment lang überlegte er, ob er nun komplett verrückt geworden war und verwarf sofort den Gedanken an den Traum. Er sah im dunkeln den Zündschlüssel des Wagens glitzern, der immer noch im Zündschloss steckte. Er dachte an Myriam, die er auch nicht erreichen konnte um ihr zu sagen, in welch dämlicher Situation er war und griff wie im Spiel zum Zündschlüssel. Er drehte ihn im Schloss und die Scheinwerfer leuchteten wieder auf. Auch der Motor ließ sich wie durch ein Wunder wieder starten. Sofort entschloss er sich, erst einmal nach Hause zu fahren und sich um alles weitere später zu kümmern. Manuel war plötzlich hellwach über die Freude, dass er nun doch nicht hier über Nacht bleiben musste und nahm sofort die Fahrt nach Hause auf.
Da Manuel nur gelegentlich rauchte, zündete er sich ein paar Kilometer vor Waldkirchen eine Zigarette an und freute sich schon auf eine baldige Heimkehr. Die kleine Stadt Waldkirchen hatte Manuel schon in Sichtweite, also waren es nur noch gute 10 Kilometer bis nach Hause.
„Juhu!“, rief Manuel erfreut und die Zigarette fiel ihm dabei aus dem Mund, genau zwischen seine Beine hindurch auf den Boden.
Er hatte140 km/h auf der Tachonadel und sah gerade noch das Glimmen der Glut auf dem Boden verschwinden.
„Mist auch!“, schimpfte er etwas verärgert, hielt mit der linken Hand das Lenkrad fest, während er mit der rechten Hand versuchte, tastend die Zigarette auf dem Boden zu finden. Da sich kein Erfolg einstellte und die Straße vor ihm schnurgerade war, blickte er leicht gebückt nach unten und suchte tastend weiter. Er vergaß das Tempo, mit dem er unterwegs war und es zeigte sich immer noch nicht der gewünschte Erfolg bei der Suche.
Doch auf einmal gab es auf der linken Seite des Autos einen kräftigen Schlag und Manuel sah sofort wieder auf die Straße. Er konnte kaum etwas erkennen, da er mit dem Wagen auf der Gegenfahrbahn mächtig ins Schleudern geraten war. Sofort trat er kräftig auf das Bremspedal. Da es mitten in der Nacht um kurz vor zwei Uhr war, war die Straße kaum befahren und ehe er es recht verstand, in welcher Situation er war, befand er sich mit dem Auto auf der Leitplanke der Gegenfahrbahn, wo es links von ihm eine kleine Böschung hinabging. Wie ausbalanciert brauste der Wagen auf der Leitplanke dahin und ein riesiger Funkenschweif war am Heck des Autos zu sehen. Alles bremsen nützte nichts, da sich ja die Reifen in der Luft befanden und erst jetzt wurde ihm der Ernst der Situation klar, in der er sich befand.
„Michael!“, schrie Manuel voller Angst und Hoffnung.
Tausend Gedanken gingen ihm gleichzeitig durch den Kopf. Sogar der, dass er mit höchster Wahrscheinlichkeit hier und jetzt diesen Unfall nicht überleben wird. Es sah so aus, als würde nun sein Leben keinen Pfifferling mehr Wert sein. Aber alles ging so rasend schnell, dass er nicht noch einmal nach Michael rufen konnte. Der Wagen kippte von der Planke herab! Zum allem Unglück auf die Seite der Straße! Und schon wieder schleuderte der Wagen so sehr über beide Fahrbahnen, dass er kaum noch etwas erkennen konnte.
Urplötzlich gab es einen gewaltigen Knall und Manuels Kopf wurde wie durch eine Titanenhand in das Lenkrad geschleudert und das Auto stand!
Manuel ist nicht bewusstlos geworden, doch ihm war, als sei ihm gerade ein Gebirge auf den Kopf gefallen. Er spürte, dass Blut von seinem Kopf herablief und dass auch die Arme durch starke Verstauchungen in Mitleidenschaft gezogen waren. Sein ganzer Körper fühlte sich an, als wäre er gerade durch eine Knetmaschine getrimmt worden. Nur einen Moment verharrte er in sich zusammengesunken und ordnete seine Gedanken neu. Bestimmt hatte er es Michael zu verdanken, dass er noch lebt, denn er war ja nicht einmal angeschnallt gewesen. Aber musste er gleich so stark verletzt werden, dass das Blut schon wie in Strömen von seinem Kopf lief? Er hatte es aber überlebt und das war ja schon die Hauptsache.
Er stieg mit Schmerzen in allen Gliedern aus dem Auto und wunderte sich dabei, dass die Tür noch normal zu öffnen war. Ihm wurde leicht schwindlig und er hielt sich für einen Moment lang am Dach des Wagens fest. Obwohl es beinahe stockdunkel war, erkannte er, dass das Auto fast quer auf der Strasse stand. Und noch etwas. Er stand mit dem Fahrzeug in einer langgezogenen Linkskurve!
Aus dem Auto drang nun auch noch der Geruch nach Verbranntem und Manuel ging sofort ein paar Schritte zurück. War es doch möglich, dass sein Fahrzeug auch noch explodieren könnte.
Jetzt erst sah er den Bauernhof neben der Straße, der gleich einen Misthaufen am Rand der Fahrbahn hatte. Damit der Mist aber nicht auf die Straße fiel, hatte der Misthaufen eine schützende Betonwand von etwa 7 Metern Länge. Links und rechts davon war dagegen freies Feld in Form von Wiesen. Und wie Manuel dann ernüchtert feststellte, war er mit seinem Auto mitten in die Betonwand gerast, wo durch den Aufprall der Wagen vorne um über einen Meter gekürzt und dann auch noch über zwei Meter wieder zurückgeworfen wurde.
„Mit 140 km/h ungebremst auf diese Wand!“, dachte er sich erschrocken und wunderte sich, dass er noch lebt. „Da braucht man schon wirklich einen Schutzengel!“, ging es ihm weiter durch den Kopf.
Mit schleichenden Schritten ging er die Unfallstelle ab und sah dabei die zum Teil schwer beschädigte und auch teilweise verbogene Leitplanke. Nicht ein Auto war ihm in den letzten 10 Minuten begegnet und er war froh darüber, dass es auch solche, wenn auch seltene Zufälle gab. Die Straße selbst vertrug auch in dieser leichten Linkskurve locker 140 km/h. Aber wenn jetzt ein Auto in Richtung Freyung oder Walkirchen käme, wäre der nächste Unfall unausweichlich und es könnte dabei Schwerverletzte oder gar Tote geben.
Manuel ging nachdenklich zurück zu dem Wrack, was einmal sein erstes Auto war und steuerte einige Meter in die Wiese hinein, wo er sich erschöpft niederließ. Er hoffte darauf, dass kein anders Auto in sein kaputtes Fahrzeug krachte und nahm sich vor, dass er, sobald er etwas bei Kräften war, zurück auf die Straße gehen wolle, um andere vor der Gefahr zu warnen.
Auf einmal aber stellte er fest, dass aus dem Bauernhof niemand kam, um nachzusehen, was passiert war. Es war also möglich, dass dort kein Mensch im Hause war, der ihm helfen konnte. Glück und Unglück schienen sich für Manuel an diesem Ort zu einem merkwürdigen Paar zu vereinen und er war sich nicht einmal sicher darüber, welches von Beiden hier die Oberhand hatte und Regie über den Unfallort führte.
Er ruhte einige Minuten im feuchten Gras, dachte an Michael und fragte sich: „Warum erscheint er jetzt nicht bei mir? Ich könnte verbluten und...“
Doch plötzlich war das Nahen eines Autos zu hören. Ein Riesenschreck ging durch Manuel und er versuchte sofort, sich zu erheben, was ihm aber nicht gelang. Das Auto kam aus der Richtung von Waldkirchen, also auf der sicheren Fahrbahnseite und kam schnell immer näher. Schon sehr bald verlangsamte das Fahrzeug seine Geschwindigkeit und blieb ganz in der Nähe von Manuel stehen. Jemand stieg aus und es waren eilige Schritte zu hören. Manuel selbst war nicht fähig, sich laut bemerkbar zu machen, aber er versuchte sich zu erheben.
Plötzlich rief eine männliche Stimme laut und deutlich:
„Hallo! Ist hier jemand? Hallo!“
Manuel konnte noch immer nicht rufen, doch er schaffte es sich endlich zu erheben, torkelte benommen auf die Straße und konnte sich plötzlich wieder, wenn auch schwach, bemerkbar machen.
Wie sich herausstellte, war die rettende Hilfe ein Bauer, der 3 Kilometer von hier entfernt wohnte und durch den lauten Krach von Manuels Unfall erwacht ist und nachsehen wollte, was passiert sei. Der Mann sicherte die Unfallstelle mit einem Warndreieck ab und wollte Manuel sofort in das Krankenhaus bringen. Doch dieser wiegelte ab und meinte, es wäre besser, wenn sein Auto aus der Gefahrenzone käme. Der Bauer ließ sich dazu überreden und schon machte er sich mit dem Auto auf den Weg nach Hause, um in fast einer halben Stunde mit seinem Tracktor wieder zu kommen, mit dem er dann den Unfallwagen von der Straße weg und über die Böschung auf der anderen Seite zog. Dann fuhr er wieder nach Hause, kam mit seinem Auto wieder zurück und brachte Manuel nach Hause, wo er sofort von seiner zu Tode erschrockenen Frau versorgt wurde. Manuel bestand darauf, nicht in das Krankenhaus gebracht zu werden, denn die 3 Monate die er als Kind dort verbrachte, würden ihm für das ganze Leben reichen.
Das Fazit seiner Verletzungen war erschreckend: Beide Augen blau, Nasenbein gebrochen, verstauchte Arme und Beine, einen tiefen Schnitt vom Scheitel bis zur Schulter, da er auch, ohne es zu merken, mit dem Kopf die Scheibe der Fahrertür durchschlug. Eine sehr schwere und mehrere Tage anhaltende Gehirnerschütterung und zahllose kleine Glassplitter in der linken Körperhälfte. Er blutete fast eine ganze Woche. –
Nun überlegt Manuel im Bett weiter. Myriam bringt ihm gerade eine Tasse frischen Kamillentee, sieht ihn dabei freundlich lächelnd an, stellt die Tasse auf seinen Nachttisch und fragt:
„Wie fühlst du dich?“
„Ich könnte nicht besser klagen.“
Er verzieht sein Gesicht zu einem kleinen Grinsen.
„Du bist aber auch ein Sturkopf.“, scherzt Myriam. „Genau wie damals, als du den schweren Autounfall hattest.“Sie küsst ihm auf die Stirn und verschwindet wieder in der Küche, wo das Radio zu hören ist.
Mit keinem Wort erwähnt Manuel, dass er gerade auch über diesen Autounfall von damals nachgedacht hatte. Ihm kommt gerade in Erinnerung, welches Pech er noch so im Leben bis jetzt hatte.
„Nur ein Leben lang!“, murmelt er zu sich. „Zum Glück nur ein Leben lang. Schrecklich, wenn man öfter Leben müsste.“
Er nimmt einen Schluck von dem Tee zu sich und wieder spürt er bei dieser Bewegung seine Wunden. Er zerbeißt sich einen Fluch zwischen den Zähnen, denn er wurde ja schließlich so erzogen, dass er nicht flucht.
Weiter kreisen seine Gedanken in der Vergangenheit und er erinnert sich an einen Zufall wie es ihn wohl nicht, oder nur allzu selten geben könnte. Als Teenager jobbte er im Freyunger Kino „Urania Filmtheater“. Die Arbeit als Filmvorführer machte ihm Spaß und mit Mina, der Frau an der Kino-Kasse verstand er sich prima. Gleich hinter der Hauptschule in der Schulgasse ist dieses Kino und an der Eingangstür, die aus zwei Flügeltüren besteht und jeweils einen senkrecht angebrachten Türgriff hat, dort hat er sich beim öffnen des rechten Flügels einmal den Daumen seiner rechten Hand ausgekugelt. Eigentlich nichts besonderes. Er hat sich den Daumen selbst eingerenkt, was aber doch etwas schmerzhaft war. Ein paar Tage später passierte ihm an der gleichen Tür, das selbe Missgeschick noch einmal mit dem rechten Daumen und mit dem selben Türflügel. Wieder renkte er sich den Daumen unter noch schlimmeren Schmerzen ein. Aber er wollte es nicht so einfach akzeptieren, dass es solche Zufälle gibt und denkt heute noch mit Grausen an diese unheimliche Begebenheit.
Jetzt aber nimmt er einen weiteren Schluck seines Tees, ärgert sich wieder über diese Schmerzen und schwört sich, dass er von nun an nur noch angeschnallt in einem Auto sitzen werde. Diesen Schwur wird Manuel den Rest seines Lebens einhalten. Zu viele Qualen hat er in seinem bisherigen Leben schon ertragen und im Moment „badet“ er förmlich in Schmerzen. Und es gibt eine weitere Veränderung in seinem Leben. Wohlbehütet wuchs er auf und doch entwickelt sich nun in ihm ein Gefühl, dass er in diesem Leben nicht mehr losbekommen sollte. Hass! Es ist der blanke Hass! Hass auf Schmerzen! Und vor allem auf völlig unnötige Schmerzen.
Dabei fällt ihm wieder etwas ein, was für ihn auch äußerst schmerzhaft gewesen ist. Im Alter von etwa 13 Jahren schickte ihn die Mutter für eine Besorgung in den „Prima-Kauf“, einem der ersten Supermärkte, die sich in Freyung angesiedelt haben. Er nahm Mutters Fahrrad, weil sein eigenes Rad gerade einen Platten hatte, machte sich auf den Weg und fuhr schon bald die steile Abteistraße hinab, die ihn zu dem Geschäft bringen sollte. Ganz unten ging eine starke Kurve um das Haus einer Gastwirtschaft herum und man musste schon rechtzeitig bremsen, um diese Kehre in sehr langsamer Fahrt zu bewältigen. Aber an diesem Tag – er hatte gerade die Hälfte der steilen Straße hinter sich – sprang ihm die Fahrradkette heraus. Da das Rad aber keine Handbremse hatte, konnte er nicht mehr mit der Fußbremse rechnen, erschrak derartig, dass er sofort mit beiden Schuhen und mit voller Kraft auf dem Asphalt versuchte, seine Geschwindigkeit zu reduzieren. Er näherte sich nun dem Haus am unteren Ende der Strasse rasend schnell. Innerhalb von einer Sekunde bemerkte er aber schon, dass er nur um etwa 20 Prozent langsamer werden würde und stellte sich schon darauf ein, dass er bald mit dem Haus kollidieren werde.
Es war wirklich aussichtslos. Trotzdem versuchte er mit einem schnellen Haken des Lenkers die Kurve, die keine Sicht auf den Gegenverkehr bot, zu nehmen und schon krachte er mit dem Fahrrad mitten in die Wand der linken Haushälfte. Der Lenker grub sich tief in seinen Bauch und er dachte, er müsse nun ersticken. Seine Stirn war ein einziger Blutfleck, denn er ist ja auch mit dem Kopf an die Wand geraten. Das Vorderrad des Fahrrades war ganz krumm gebogen und er selber lag im Dreck der Strasse.
Eine ältere Frau öffnete im ersten Stock des Hauses das Fenster, sah auf ihn herab und rief erschrocken:
„Meine Güte. Das Haus hat gezittert. Armer Junge.“
Manuel krümmte sich vor Schmerzen und kurz darauf hörte man schon einen nahenden Krankenwagen, den die ältere Frau in dem Haus der Gastwirtschaft gerufen hatte.
Er fand sich kurz darauf in einem OP-Saal des Freyunger Kreiskrankenhauses wieder und in ihm kamen seine Kräfte langsam wieder zurück. Liegend sah er einige Ärzte in ihren grünen OP-Kitteln und entsetzt erkannte er, dass Einer von ihnen gerade dabei war, eine riesige Spritze aufzuziehen. Alle Ärzte wandten ihm gerade den Rücken zu und für Manuel stand Eines sofort fest: Flucht! Nur weg von hier! Weg von den Ärzten und den Spritzen! Raus aus diesem Haus!
Er hatte tatsächlich die Kraft sich vorsichtig zu erheben, geräuschlos vom OP-Tisch zu rutschen und, wenn auch etwas benommen, die rettende Tür in den Flur zu erreichen. Noch hatte niemand etwas gemerkt, aber als er die Türe öffnete, rief einer der Ärzte laut:
„Mein Gott! Der Patient will abhauen!“
Nun setzte Manuel alles auf eine Karte. Mit einem Husch war er durch die Tür entwischt, sah vor sich im Gang eine der vielen Krankenschwestern, die ihm völlig entsetzt in die Augen blickte und einen gellenden Schrei ausstieß. Und genau in diesem Moment wurde es ihm schwarz vor Augen und er spürte noch, wie ihn von hinten zwei starke Arme gerade noch auffingen, so dass er nicht bewusstlos zu Boden ging. Diesmal hatte Manuel wirklich gegen die Ärzte verloren.
Aber dies war nicht der einzige schwere Unfall, den er mit einem Fahrrad hatte. Nur ein paar Monate später, – Manuels Eltern hatten gerade Besuch von einem Ehepaar mit deren Tochter aus Norddeutschland – wollte er der Tochter zeigen, wo das Freibad von Freyung ist, nach dem Sie sich bei ihm erkundigte. Die Tochter – sie war ein paar Jahre jünger als Manuel – nahm gerne auf dem Gepäckträger von seinem Fahrrad Platz. Er wies noch darauf hin, dass er den kürzeren Weg durch die Schulgasse, dann über den extrem steilen Hammerberg nehmen und er nur ganz langsam über diese Steilstraße hinabfahren werde.
Vorher prüfte er noch die Tauglichkeit der Handbremsen des Fahrrads, denn es galt ja schließlich einiges mehr an Gewicht am Hammerberg abzubremsen.
Als Beide die schmale Steilstraße erreichten und Manuel schon die nächste Straße sah, die er auf halbem Weg des Hammerberges nach links einbiegen wollte, (die zweite Hälfte war noch viel steiler und daher extremst gefährlich) sprang beim Bremsvorgang die Vorderbremse raus, worauf er sofort kraftvoll die Hinterradbremse betätigte.
Doch diese Bremse sprang ebenfalls heraus!
„Um Gottes Willen!“, rief Manuel erschrocken und das Mädchen hinter ihm, die auch bemerkt hatte was passiert ist, klammerte sich ganz fest an ihn.
Die Geschwindigkeit der Beiden nahm unglaublich schnell zu. Er stemmte sich mit beiden Beinen kraftvoll in den Straßenbelag, erinnerte sich gleichzeitig an den Unfall mit Mutters Fahrrad und versuchte jetzt vehement, das Beste aus dieser wirklich gefährlichen Situation zu machen.
Es gelang ihm tatsächlich, die Geschwindigkeit spürbar zu verringern, doch die Beiden waren immer noch viel zu schnell, als dass Manuel auch nur den Hauch einer Chance hatte, nach links in die Strasse einzubiegen.
Gleich am Anfang der linken Strasse war ein Haus auf der rechten Seite und zwischen Haus und Strasse war ein 1 Meter hohes, aus massivem Metall gefertigtes Geländer, hinter dem es bestimmt über 2 Meter in die Tiefe ging. Manuel bog scharf in die Kurve ein. Er kam auf dem „total überflüssigem“ Split, der hier immer zu sehen war, ins Rutschen und knallte mit dem Rad und dem Mädchen hinter sich mit großer Wucht in das Geländer.
Wieder lag er im Dreck der Schmerzen. Er hatte sehr viele Prellungen und Hautabschürfungen. Seine Hose hing in Fetzen von ihm herunter und schien ihn zu verhöhnen. Das Mädchen hatte zum Glück nur ein paar leichte, kaum nennenswerte Abschürfungen erlitten, da sie ja durch Manuels Körper stark abgefedert wurde. Das Fahrrad war nur noch Schrott und das massive Geländer an dem die Beiden ihren Stop fanden, war doch tatsächlich verbogen, so dass man es heute noch sehen kann.
An diesem Tag verzog sich Manuel angeschlagen in sein Bett, während die Tochter des Besuchs noch ins Freibad ging. Ihm selber taten alle Knochen weh und er wurde an diesem Tag nicht mehr gesehen. –
Jetzt ist gerade Mittagszeit und Myriam füttert ihren Manuel mit hingebungsvoller Fürsorge. Es gibt Schnitzel mit Kartoffelsalat, was die Leibspeise von ihm ist. Ganz besonders auf den Kartoffelsalat ist er scharf, denn nur Myriam und seine Mutter konnten diesen so lecker machen. Nach dem Essen bekommt er noch eine Tasse Kaffee serviert und fühlt sich dabei wirklich so, als wäre er mit der besten Hausfrau der Welt verheiratet.
„Ich muss noch Einkaufen gehen und bin in einer Stunde wieder da, Schatz.“, meint Myriam plötzlich und Manuel lächelt kopfnickend.
Ja, er hat eine gute Frau und er fühlt sich rundherum wohl. Wenn da nur nicht die grässlichen Wundschmerzen wären. Schmerzen, immer wieder Schmerzen. Und immer wieder so extrem. Dabei stellt sich ihm die Frage, wie Gott nur solche Schmerzen bei Menschen und anderen Lebewesen zulassen kann. Dabei muss Gott doch wissen, wie Weh das tut.
Manuel hört nun, wie Myriam aus der Wohnung geht und hinter sich die Tür schließt. Jetzt blickt er nach oben zur Decke und denkt an Michael. Fast jeden Tag, seit er den ersten Kontakt mit ihm hatte, dachte er an ihn. Er würde so gerne mit ihm reden, aber das scheint ja nicht so einfach zu sein.
Und wieder denkt er an seine Schmerzen, von denen er schon so viel in seinem jungen Leben ertragen musste. Er hatte aber nicht nur physische Schmerzen zu ertragen. Oh nein. Auch psychische Schmerzen. So schmerzte es ihm als junger Bub, seinen Kater Tommy in seinen Armen verenden zu sehen. Das Tier, an dem Manuel sehr hing, hatte eine Maus gefressen. War ja nichts dramatisches und nur natürlich. Aber die Maus hatte vorher Rattengift gefressen! Tommy kam wie benommen bei ihm an und starb in dessen Armen. Manuel hatte tagelang geweint.Ja, es war nur ein Tier. Aber dieses Tier war für ihn etwas ganz besonderes. Und noch dazu mit wunderschönen weißen und hellbraunen Flecken im Fell.
Er erinnert sich noch ganz genau an den Tag, als einer seiner besten Freunde plötzlich verschwand. Es war ungefähr 2 Jahre danach, als er Michael das erste Mal sah. Sein Freund Gerhard, mit dem er viel in der Natur um Freyung herum unterwegs war, wurde von seinem Vater streng erzogen. Sein Vater war Berufssoldat in der Kaserne von Freyung und so manches Mal klagte Gerhard Manuel sein Leid. Bis zu dem Tag, als Gerhard verschwand.
Es war Hochsommer. Gerhards wohnte am äußersten Rand von Freyung, gleich unweit des Sägewerks in Richtung Tschechei, und sehr nahe am Saussbach, wo es auf der anderen Seite des Baches leicht steil in den Wald ging.
Seine Eltern, die Polizei, viele Freiwillige und auch Manuel beteiligten sich an der Suche nach Gerhard. Sein Vater machte kund, dass alles wieder gut werde, wenn er nur seinen Sohn wiederhabe. Auch war der Vater von Gerhard ein guter Bekannter von Manuels Vater, der sich natürlich auch an der Suche nach dem „verlorenen Sohn“ beteiligte.
Die Tage, ja die Wochen verflossen, ohne eine Spur von Gerhard zu finden. Aber er wurde gefunden. Es vergingen vier Wochen und er wurde von einem Angehörigen der Hauptschule im Wald, nur ein paar hundert Meter vom Elternhaus gefunden. Er war schon lange Zeit tot.
Da es Hochsommer war, hatten die Fliegen ihre Eier auf der Leiche abgelegt und das komplette Gesicht war von den Maden zerfressen.
Gerhard hatte eine Überdosis Schlaftabletten geschluckt. Wie die Obduktion ergab, hätte die Dosis ausgereicht, um einen erwachsenen Elefanten zu töten. Aber mit dem nicht genug. Gerhard ging auf Nummer sicher. Er schnitt sich auch noch beide Pulsadern auf und erhängte sich an einem Baum. Der Mann, der seine Leiche gefunden hatte, bekam den Schock seines Lebens. Er band den Toten ab, legte sich ihn über die Schulter, ging dann im Wald hinab, überquerte den Bach und schon war er beim Elternhaus von Gerhard.
Der Vater von ihm erlitt einen Nervenzusammenbruch und war für mehrere Jahre ein gebrochener Mann. Manuel weinte ganz bitterlich als er davon erfuhr, dass Gerhard tot ist und bei der Beerdigung flossen auch noch ganz viele Tränen seiner Schulkameraden. Manuel wird das Bild nie vergessen, als Gerhards Sarg in den Boden sank und dessen Eltern herzzerreißend zu weinen begannen. Er konnte dies nicht mehr ertragen und lief plötzlich weinend nach Hause zur Mutter, die noch eine ganze Weile damit zu tun hatte, ihren Sohn zu trösten. So groß war der Schock für ihn, dass er sich noch Jahre später nicht ganz beruhigt hatte und auch heute noch um seinen Freund trauert.
Ein anderer ehemaliger Schulkamerad von Manuel, der auch in der Schule stets fair zu ihm war, hatte schon sehr früh seinen Führerschein gemacht und keine ganze Woche später hatte er auf der Schnellstraße zwischen Freyung und Waldkirchen einen tödlichen Verkehrsunfall, bei dem er wegen eindeutig überhöhter Geschwindigkeit selber Schuld hatte. Das machte Manuel nicht nur erneut traurig, sondern auch ungemein nachdenklich. Er fragte sich damals schon, was der Sinn des Lebens sei. Aber dass alles zum Glück „Nur ein Leben lang“ währt, tröstete ihn dann wieder.
Nun aber denkt er an ein Erlebnis, dessen Erinnerung ihn heute noch frösteln lässt. Als zehnjähriger Junge war er mit seinen Eltern und der Schwester Manuela zu Besuch bei Verwandten in Schönhofen bei Regensburg. Durch diesen winzigen Ort fließt der kleine Fluss „Laber“ und daran denkt er gerade mit einem solchen Ekel, dass er einen Schüttelfrost bekommt, der ihn wiederum jede einzelne Wunde am Körper spüren lässt.
Ganz klar hat er es noch vor Augen, als er dort an einem strahlenden Sommertag die etwa hundert Meter Flussaufwärts zu der Stelle am Ufer ging, wo ab und zu Frauen am Flussufer Wäsche wuschen und auch ein kleines Holzpodest am Ufer angebracht war. Die Strömung des Flusses war mittelstark und er hatte schon öfter Erwachsene darin schwimmen sehen. Gute hundert Meter weiter unten war eine Brücke und an dieser Stelle war der Fluss so seicht, dass man ihn leicht durchwaten konnte.
Aber an diesem Tag waren keine Menschen am Ufer zu sehen und Manuel blickte auf den Fluss vor ihm, dessen Grund nicht zu sehen war. Nur sehr dunkel war sein Wasser, was wohl mit den zahllosen Wasserpflanzen zu tun haben musste, von denen er ebenfalls schon gehört hatte. Da der Tag sehr heiß und er ein guter Schwimmer war, entschied er sich dafür, im Fluss zu baden. Er zog sich aus, ließ seine Kleidung auf dem Holzpodest liegen und stieg nur mit einer Badehose am Körper in das Wasser hinein. Schon nach zwei Schritten hatte er keinen Boden mehr unter den Füssen und er schwamm gleich in die Mitte des etwa 7 bis 8 Meter breiten Flusses, wobei er durch die Strömung sofort abgetrieben wurde, woran er aber auch gedacht hatte. Denn er wollte ja erst wieder an der Brücke an Land gehen, um dann wieder zurückzugehen und das ganze ein paar Mal wiederholen.
Doch soweit kam er gar nicht. Er spürte an seinen Beinen das Streicheln der scheinbar langen Wasserpflanzen und genoss dieses Gefühl dabei sogar. Doch plötzlich legten sich so viele Pflanzenstränge um sein linkes Bein, die ihn fest umklammerten und wegen der Strömung auch schnell unter Wasser zogen. Er kam nicht einmal mehr zu einem Hilferuf, schnappte noch kurz nach Luft und war schon nicht mehr zu sehen. Manuel merkte sofort, dass er sich in tödlicher Gefahr befand und griff mit beiden Armen schnell zu seinem Bein hinab, um sich so schnell wie nur irgend möglich von den Pflanzen zu befreien. Er zog und riss an den Pflanzen, aber schon wurden auch seine Arme von weiteren Pflanzen umwickelt. Ein fürchterlicher Kampf unter Wasser entbrannte. Es ging um Leben und Tod für ihn und er dachte sofort in seiner Not an Michael, der ihm doch bitte die nötige Kraft geben sollte, sich aus dieser misslichen Situation zu befreien. Und er bat ihn dringendst und inständig darum.
Der Sauerstoffmangel in seinem Blut machte sich durch den dramatischen Kampf unter Wasser schnell bemerkbar und schon bald „schrieen“ seine Lungenflügel nach Luft. Er nahm all seine Kraft in den Armen auf einmal und mit einem gewaltigen Ruck war er aus der Falle befreit. Fast zeitgleich glitten die Pflanzen von seinem Bein wie von selbst ab und er konnte endlich auftauchen.
Prustend und gierig nach Luft schnappend erkannte er, dass es nur noch etwa 50 Meter bis zur Brücke waren, wo das Wasser seicht ist. Mit ganz leichten Bewegungen ließ er sich abtreiben und schnappte immer noch wie von Sinnen nach Luft. Als er endlich das rettende Ufer erreicht hatte und auf dem Weg zu seiner Kleidung war, gab es für ihn keinen Zweifel daran, dass Michael sein Flehen erhört hat und ihn vor dem „nassen Tod“ rettete. Das der Glaube Berge zu versetzen vermag, daran klammerte sich Manuel mit jeder Faser seines Herzens.
Mit keinem Wort hat er jemandem von diesem Horror im Fluss erzählt, aber dies hatte auch eine besondere Wirkung bei ihm ausgelöst: Von diesem Tag an brachte er es nicht mehr fertig in Gewässern zu schwimmen, deren Boden oder Grund nicht zu sehen war. Trotzdem hat er es einmal fertig gebracht, einem kleinen Jungen, der seinen Fußball aus Versehen in einen sehr kleinen, aber ungemein tiefen See geschossen hat, durch schnelles Schwimmen aus dem Wasser zu holen. Dabei schauderte es ihn pausenlos, aber er ließ sich nichts anmerken und sah hinterher in das glückliche Gesicht des kleinen Fußballspielers. –
Nun sieht Manuel vom Bett in Richtung Fenster, erkennt den blauen Himmel mit ein paar schneeweißen kleinen Wolken und wünscht sich, er wäre im Himmel.
Doch er erinnert sich auch an die schönen Zeiten, die er bis jetzt im Leben hatte. Die riesige Eisenbahnanlage, die das halbe Kinderzimmer ausfüllte, hat er von seinem Vater zum Geburtstag geschenkt bekommen. Die Weihnachtsfeste, wo die Mutter vor der Bescherung die Kerzen mit Zündhölzern zum leuchten brachte und lange Zeit der Geruch von verbranntem Schwefel in der Luft lag. Oder als er und Manuela ihrer Mutter beim Plätzchenbacken halfen und anschließend den restlichen Teig aus der Schüssel naschen durften. Die tolle Zeit, als er mit anderen Schülern eine ganze Woche in einem Zeltlager war und sie abends am Lagerfeuer schöne Lieder sangen, wobei der Lagerleiter mit seiner Gitarre schöne Melodien zu seinem Besten gab. Auch wenn er mit seinem Vater zum Fischen an die Ilz fuhr und sie wieder einen guten Fang machten. Die Zeit mit Vater beim Fischen hat Manuel sehr genossen und doch lag ihm da ein bitterer und unvergesslicher Beigeschmack auf der Zunge. Er hat beim Fischen die erste Leiche in seinem Leben gefunden. Es war ein Mädchen von nicht einmal zehn Jahren, die er vom sehen her kannte, da Sie öfter mit zwei gleichaltrigen Jungen am Fluss spielte. Die Leiche lag schon zwei Wochen im Wasser, war aufgedunsen wie ein Ballon und der Gestank der Verwesung unvergesslich.
Auch die Ausflüge mit Eltern und Schwester waren toll. Vater und Mutter waren wirklich sehr um das leibliche und auch geistige Wohl ihrer Kinder bemüht.
Das größte Glück aber wiederfuhr ihm an dem Tag, als er um die Hand Myriams anhielt und sie seinen Antrag annahm. Die Hochzeit war ein unvergesslich schönes und herzliches Erlebnis. Myriams Eltern stehen in einem sehr freundlichen Verhältnis mit Manuel und seinen Eltern. Da bleiben auch keine Wünsche mehr offen. Ja, das Leben hat auch seine schönen Seiten.
Manuel blickt weiter aus dem Fenster und sieht auf das langsame Vorbeiziehen der weißen kleinen Wolken. Wie gerne wäre er jetzt lieber in Vaters Werkstatt, als hier im Bett, wo er wieder einmal seine Wunden zu lecken hat.
„Nur ein Leben lang.“, murmelt er leise. „Das Leben kann so grausam sein. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, ich wäre schon gestorben.“
Schwermut macht sich in seinem Herzen breit und er traut sich kaum zu bewegen. Er will resignieren und bekommt plötzlich Todessehnsucht.
Genau in diesem Moment erscheint Michael! In hellem Licht steht er am Fußende seines Bettes und blickt gütig auf den ungläubig sehenden Manuel. Der ganze Raum erscheint im strahlenden Licht des Erzengels. Strahlend wie die nackte Reinheit.„Michael!“, haucht Manuel ergriffen. „Das du mich doch noch einmal besuchst?“
„Manuel. Oh, Manuel.“, sagt Michael und schüttelt dabei leicht den Kopf. „Du sollst nicht solche Gedanken haben. Das Leben ist heilig. Das Leben hat viele Seiten. Ich musste sofort zu dir.“
„Warum so plötzlich? Kannst du etwa Gedankenlesen?“
Manuel ist hin und weg. Michael höchstpersönlich steht vor ihm und scheint sich Sorgen um ihn zu machen.
„Ich bin...“, meint Michael lächelnd. „...fähig, die Gedanken der Menschen zu lesen. Nur Erzengel, Jesus und Gott haben diese Gabe. Ich bin gekommen, um dir zu helfen. Der Wunsch nach dem eigenen Tod ist verwerflich. Außerdem bin ich nicht in deinem Traum erschienen. Es war der Dämon Surbio, der meine Gestalt und Stimme annahm und sich für mich ausgegeben hat.“
In diesem Moment kommt Myriam vom Einkauf nach Hause und hat Manuels Mutter dabei. Manuel ist sich sicher, dass Michael sich bestimmt sofort unsichtbar machen wird. Aber er bleibt sichtbar! Und er blickt voller Milde und Güte auf Manuel.
„Hallo Schatz.“, ist Myriams Stimme freundlich zu hören. „Bin schon zurück. Was ist denn das nur für ein helles Licht bei dir im...“
Myriam steht schon mit der Mutter ihres Mannes im Türrahmen des Schlafzimmers, sieht auf Manuel und dann auf Michael.
„Könnt ihr den Engel sehen?“, fragt Manuel sehr vorsichtig mit einem kurzen Blick auf beide Frauen.
„Ja.“, haucht Myriam verblüfft und sieht aus, als würde sie wirklich zum erstenmal einen Engel sehen.
Sie stellt die zwei Einkaufstaschen neben sich und schaut zu Michael, während die Mutter sich ergriffen mit großen Augen eine Hand vor den Mund hält. Der Engel blickt lächelnd auf die Beiden und meint:
„Kommt zu mir. Ich bin Michael, ein Erzengel. Manuel sieht mich nicht zum erstenmal.“
Beide Frauen gehen wie in Trance in das Schlafzimmer, lassen dabei den Engel nicht aus den Augen und Manuels Blick ist jetzt ebenso auf den Erzengel fixiert.
Michael blickt auf Manuel, dann wieder zu den Frauen und streckt nun ihnen beide Arme entgegen.
„Mein Gott!“, meint die Mutter ehrfurchtsvoll. „Du bist es wirklich. Manuel hat mir von dir erzählt. Ich habe es sogar geglaubt.“
Michael geht einen Schritt auf die Frauen zu:
„Ich habe eine Botschaft für euch Beide. Gebt mir jede von euch eine Hand.“
Zögernd reichen die Angesprochenen ihm die Hände. Dieser umklammert ihre Finger mit einem weichen, ja sogar ganz angenehmen Griff. Sie können ihn nicht nur deutlich spüren, sondern verstehen sofort die Macht, die Wärme und die Freundlichkeit, die in dem Engel wohnt.
Er blickt den beiden Frauen in die Augen und im nächsten Moment ist ein bläuliches Licht zu sehen, welches die drei Personen wie eine Kugel umgibt. Tausende von sehr winzigen kleinen Lichtern sind darin zu sehen. Manuel hat beim Anblick dieses einmaligen Erlebnisses den Eindruck, als wäre das bläuliche Licht das Weltall und die Lichtpunkte die Sterne. Er erkennt auch nun, dass sich der Gesichtsausdruck seiner Frau und der Mutter verändern. Beide blicken zufrieden, mit einer Spur Erstaunen, aber auch mit vollem Vertrauen in Michaels Antlitz.
Die Intensität der Lichterscheinung und auch das Funkeln der „Sterne“ lassen nach und Manuel hat dabei das Gefühl, als würde das Ganze mit einem Dimmer langsam gelöscht werden. Gebannt von dem Geschehnis spürt er nicht einen Schmerz an seinem Körper und denkt, wenn er dieses Erlebnis jemandem Außenstehenden erzählen würde, dann wird ihm das niemand glauben.
Jetzt sind das Licht und das Funkeln ganz erloschen. „Nur“ Michaels strahlende Anwesenheit taucht den Raum noch weiter in ein sehr helles Licht und er löst nun seine Hände von den Frauen. Myriam und seine liebe Mutter blicken fast so gütig wie Michael zu ihm, sagen aber kein Wort. Beide benehmen sich fast so, als wäre es ganz normal, dass hier und jetzt einer der Erzengel im Raum ist.
Michael aber sieht nun zu Manuel, geht auf ihn zu, bleibt direkt vor ihm stehen und meint:
„Auch für dich Manuel habe ich eine Botschaft. Besonders du sollst noch mehr wissen. Gib mir deine Hand.“
Manuel schluckt, reicht seine rechte Hand in die des Engels und spürt dabei dasselbe, wie vorher seine Mutter und auch Myriam.
Der Engel sieht ihn dabei wissend, helfend und zugleich mit so einem starken Ausdruck von Wärme an, wie er es selbst noch nie erlebt hat.
Sofort sind auch die Beiden in einer Kugel aus bläulichem Licht zu sehen, in dem wieder Tausende von kleinen und unglaublich hellen Sternen zu sehen sind. Doch Manuel kann das alles nicht sehen. Nur Myriam und seine Mutter sind jetzt die Zeugen dieses gewaltigen Schauspiels, das sich vor ihren Augen bietet. Manuel sieht nur noch Licht und den Engel. Alles andere scheint in eine, fremde Dimension verschwunden zu sein.
Eine unglaubliche Informationsflut überschwemmt ihn nun, doch kann er alle Eindrücke und Erkenntnisse sofort und problemlos verstehen und bewältigen. Das Ganze dauert nur wenige Sekunden und schon wird langsam der Raum, die Möbel, Myriam und seine Mutter wieder sichtbar.
In diesen wenigen Sekunden bekam Manuel als einer von nur ganz wenigen Menschen der Welt ein umfangreiches Wissen über seine Frau, seine Mutter, seinen Vater und auch seiner Schwester mitgeteilt. Aber auch über viele andere Menschen und über... Dämonen. Aber auch über sich selbst und die Geheimnisse zwischen Himmel und Erde. Und sogar noch weit darüber hinaus.
Ein großer Schritt war getan und dies war wieder eine der gravierenden Veränderungen in seinem Leben.
Michael blickt Manuel an und fragt:
„Hast du nun noch eine Frage?“
Dieser aber ist so beeindruckt über das Geschehene, dass ihm im ersten Moment nichts mehr einfällt. Zu gewaltig war dieses Erlebnis, zu beeindruckend die Flut des Wissens und der Informationen. Alles schien sämtliche Erlebnisse seines Lebens und alle gekannten Dimensionen zu sprengen. Doch es fällt ihm eine Frage ein, die ihm schon lange beschäftigt und er fragt:
„Was ist der Sinn des Lebens?“
Lächelnd antwortet Michael:
„Dass genau du mich das fragst, wo du nun über so viel Wissen verfügst, erstaunt mich doch sehr. Du wirst dir die Frage schon bald selbst beantworten können.“
Manuel sieht erstaunt auf. Mit solchen Worten von dem Engel hatte er mitsamt seinem Wissen nicht gerechnet. Aber er hat einen Wunsch, der nun tief in seinem Herzen brennt und da kommt ihm der Erzengel Michael gerade zur rechten Zeit.
„Ich möchte...“, beginnt er zaghaft. „...unbedingt wissen, wie Adam und Eva, die ersten Menschen also... nun ja, ich würde zu gerne wissen, wie die Beiden aussahen.“
Michael nimmt eine ganz aufrechte Haltung an und spürt förmlich, wie ihn Myriam und die Mutter direkt ansehen.
„Manuel.“, beginnt der Engel. „Die Beiden sind von Gott gerichtet und tot. Ich habe nicht die Macht, die Beiden in das Leben zurückzubringen.“
„Ich möchte nur wissen, wie die Beiden aussahen.“, gibt Manuel sofort zu Wort. „Oder hast du etwa nicht die Macht, mir den Wunsch zu erfüllen?“
Michael sieht jetzt so aus, als würde er tief Lufthohlen.
„Doch, Manuel. Aber da müsste ich etwas machen, was noch keiner der Erzengel des Lichts gemacht hat.“
„Dann tu es doch.“, fleht Manuel inständig. „Bitte.“
Der Engel blickt jetzt auf die beiden Frauen, die stumm die Konversation mit Manuel verfolgen, doch nun sieht er wieder auf ihn.
„Gut. Ich werde euch Drei mitnehmen. Ich werde euch Adam und Eva zeigen, damit ihr wisst, wie sie aussahen.“
Manuel, seine Mutter, aber auch Myriam haben jetzt das blanke Staunen in den Gesichtern und schon hebt Michael seine Arme seitlich vom Körper in die waagrechte.
Der Raum wird nun in ein viel helleres Licht getaucht, das grell die Wände zu durchdringen scheint und schon wird die Fülle der Helligkeit so markant, als würde man mitten in die Sonne sehen. Aber die drei Menschen werden nicht von dem Licht geblendet. Alles was hier gerade vor sich geht, ist ganz und gar einer überirdischen Macht untergeordnet, von deren Existenz sich kein Mensch der Erde einen Begriff zu machen vermag.
Die Helligkeit verschwindet zusehends und es wird vor ihnen eine Naturlandschaft sichtbar, die weite und saftige Wiesen mit Bäumen verschiedener Arten zeigen. Gleichzeitig stellen die drei Menschen fest, dass sie mit Michael nur ein kleines Stück über dem Boden schweben. Vögel ziehen über den weiten blauen Himmel und auch Tiere sind zu sehen, wie etwa Hirsche, Rehe, einen Löwen und Hasen. Auch anderes Getier wie ein Storchenpaar, ein Nashorn und einige Hunde sind in den Weiten der Landschaft zu erkennen, die ganz eben zu sein scheint. Kein Berg oder ein Hügel ist hier vorhanden und die Luft ist von ungewohnter Reinheit.
Der Erzengel zeigt in die Richtung vor ihnen und erklärt:
„Da drüben sind Adam und Eva. Ihr könnt hier aber nichts berühren. Diese Welt habe ich für euch imaginär erschaffen und ist also nicht real. Es zeigt nur die Vergangenheit in der Zeit von Adam und Eva. Ihre ersten beiden Kinder Kain und Abel sind noch nicht geboren.“
„Ich glaube das alles gar nicht.“, meint Myriam leise.
„Unglaublich.“, ergänzt die Mutter.
„Ich finde es toll.“, haucht Manuel ehrfurchtsvoll.
Michael blickt die drei Menschen an und meint:
„Ich bringe euch jetzt zu Adam und Eva. Dem ersten Paar der Menschheit. Aber ihr müsst wissen, dass die Beiden weder mich noch euch sehen können. Alles hier ist nicht real. Das Aussehen der Natur, der Lebewesen und des Himmels. Nicht einmal die Luft die ihr atmet, ist real.“
Das letzte Wort vom Engel ist gerade ausgesprochen, da schweben die vier Personen über die Wiesen aus satten Gräsern hinüber zu einem dichteren Baumbestand und sehen auf einmal... Adam. Und jetzt auch Eva.
Etwa drei Meter vor den ersten Menschen der Erde kommen Michael, Myriam, Manuel und seine Mutter zum Stillstand und blicken auf das „einsamste Paar“ der Erde, dass nackt, wie Gott sie schuf, gerade dabei ist, Früchte der Bäume zu verzehren. Adam, von großer und kräftiger Statur, hat schwarzes schulterlanges und glattes Haar. Er sieht aus, als wäre er um die 25 Jahre alt und ist ein durchaus hübscher Mann. Eva dagegen ist zwar auch etwa vom Aussehen her so alt oder jung wie Adam, aber einen Kopf kleiner als er. Sie hat eine etwas feste Figur und neben ihrem sympathischen Gesicht auch dunkelbraunes Haar mit vielen Naturlocken, die bis zur Hälfte ihres Rückens reichen und wunderschön anzusehen sind.
Aber etwa fällt den Menschen ganz schnell auf: Adam und Eva haben keinen Nabel. Sie wurden ja nicht geboren. Sie wurden schließlich von Gott erschaffen.
„Bist du nun zufrieden, Manuel?“, fragt der Engel und geht schwebend neben Adam in Position.
Der Angesprochene nickt und antwortet glücklich:
„Zufrieden und sehr beeindruckt bin ich. Du hast mir damit einen großen Gefallen getan. Ich danke dir dafür von ganzem Herzen.“
Auch Myriam und Mutter zeigen sich sichtlich beeindruckt von dem, was ihnen hier geboten wird und bedanken sich mit voller ehrlicher Ehrfurcht bei Michael.
„Es ist gut so.“, meint der Erzengel. „Ich habe noch nie einem Menschen so einen ungewöhnlichen Wunsch erfüllt. Aber auch ich habe einen Wunsch, was euch betrifft. Werdet noch bessere, noch gütigere Menschen auf Erden, auf dass ihr mit mir im Endziel sein werdet. Die Zeit geht schon sehr bald zu Ende. Dann werden die Menschen auf eine 1000-jährige Probe gestellt werden und wer sich dann bewährt, wird für immer und in Frieden im Paradiese sein.“
Die Worte und deren Sinn von Michael waren klar und deutlich. Jeder wusste, was damit gemeint war und sie verstanden den Ernst der Lage nur zu gut.
„Hat jetzt Einer von euch noch eine Frage?“, meint Michael und blickt dabei von einem zum anderen.
Jeder schüttelt verneinend den Kopf und sehen nun wieder in Richtung Adam und Eva, die sich gerade in einer ihnen unbekannten Sprache unterhalten. Die drei Menschen haben durch den Erzengel zwar viel Wissen erlangt, doch in welcher Sprache sich das erste Menschenpaar unterhielt, wissen sie nicht. Manuel vermutet, dass ihre Sprache mit dem hebräischen verwandt sein müsste und Michael meint freundlich zu ihm:
„Ja, Manuel. Aus deren Sprache entwickelte sich das Hebräisch, wie ihr es von der Erde her heute kennt.“
Manuel hatte jetzt einen weiteren Beweis dafür, dass Michael wirklich die Gedanken der Menschen lesen kann und schon beginnt sich das Bild vor ihm zu verzerren um dann vollends zu verschwimmen.
Es wird sofort wieder hell um die vier Personen und kurz darauf nimmt die helle Flut des Lichtes rapide ab. Manuel sieht schon das Erscheinen der Einrichtung des Schlafzimmers, findet sich in seinem Bett wieder und seine Mutter steht mit Myriam wieder an derselben Stelle, wie schon vorhin. Michael steht neben ihm, geht zum Bettende, blickt auf beide Frauen, dann auf Myriam und nun zu Manuel.
„Enttäuscht mich nicht.“, meint der Engel.
Das Licht um ihn wird schwächer und schon ist der Erzengel verschwunden.
Alle drei Personen im Raum haben den Eindruck, als wäre jetzt die Sonne am untergehen, weil Michaels strahlendes Licht nicht mehr da ist. Aber mit einem Blick zum Fenster sehen sie, dass draußen die Sonne ihre warmen Strahlen an diesem frühen Nachmittag zur Erde schickt.
Einer sieht den anderen an und Myriam geht jetzt einen Schritt auf ihren Mann zu und fragt:
„Wie geht es dir?“
Der Angesprochene spürt keinerlei Schmerzen, verzieht aber schon in Erwartung dieser sein Gesicht und antwortet:
„Es geht schon so.“
Er bewegt sich vorsichtig, spürt aber nicht den geringsten Schmerz. Erstaunt darüber schlägt er die Bettdecke zurück und sieht auf die frischen Verbände an Beinen und Armen.
„Was hast du?“, erkundigt sich die Mutter.
„Ich spüre keinen Schmerz.“, stellt Manuel fest.
Myriam und die Mutter sehen nach und öffnen einen Verband nach dem anderen. Es sind keine Wunden mehr zu sehen. Es ist auch kein Blut an den Verbänden. Manuel ist wieder gesund.
„Das hat Michael gemacht.“, stellt Myriam glücklich fest und die Mutter fügt ohne Staunen hinzu:
„Sicher war es Michael. Er hat meinen Sohn vor weiteren Schmerzen bewahrt und ihn geheilt.“
Manuel ist erstaunt und glücklich zugleich. Dank Michael muss er nun die Schmerzen nicht mehr länger ertragen und er meint im reuigen Ton:
„Jetzt tut es mir leid, dass ich Michael so sehr gedrängt habe, mir Adam und Eva zu zeigen.“
„Es ist schon gut, Manuel.“, ist die Stimme des Engels zu hören, die von überall zu kommen scheint.
„Michael. Michael.“, rufen Manuel, Myriam und die Mutter erfreut, doch der Gerufene gibt kein Zeichen mehr.
Erst jetzt merken die drei Personen, dass in der Zeit, wo sie sich mit dem Engel in Verbindung befanden, keine zwei Minuten vergangen sind.


